Der 6. März ist Europäischer Tag der Logopädie. In Schönebeck tätig ist die Logopädin Kristin Tews. Die 29-Jährige erläutert, mit welchen Vorurteilen Sprachtherapeuten zu kämpfen haben und warum neue Patienten gebeten werden, sich animalisch zu benehmen.

Schönebeck l Der Anblick einer grasenden Kuh kann auf Menschen beruhigend wirken. In einem Behandlungszimmer ihrer Logopädiepraxis in Schönebeck steht Kristin Tews vor einem lebensgroßen Banner. Darauf zu sehen: eine idyllischen Weidelandschaft mit drei Kühen. "Das ist kein Zufall", sagt die 29-Jährige. "Ich bitte meine Patienten in der ersten Sitzung häufig, sich in eine Kuh mit einem riesigen Maul hineinzuversetzen." Die Logopädin stimmt ein wohlklingendes nasales Muhen an: "Mmmmmm. Das holt die Patienten gedanklich aus dem Raum heraus und löst die Anspannung." Viele Kranke kämen nach der Überweisung vom Allgemeinmediziner oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt ängstlich oder mit Vorbehalten zu ihr. Da kann der spielerische Ansatz in den Therapiestunden Wunder wirken. Um sprachliche Verkrampfungen zu lösen, müssen die Patienten zunächst bestimmte Übungen zur Erweiterung des Resonanzraumes durchführen. Da ist es keine Seltenheit, dass ein Muhen durch den grüngetünchten Raum hallt.

Vielfältig sind die Probleme der Menschen, die sich in ihre Obhut begeben. Nach einem Schlaganfall, bei Parkinson oder Demenz, bei Schädel-Hirn-Traumata oder bei Tumoren - ein abrupter Verlust oder eine Beeinträchtigung der Sprache kann jeden treffen. Tews kümmert sich neben Kehlkopfpatienten am liebsten um Kinderstimmstörungen. Dem Klischee von ausschließlich mit Kindern spielenden Logopäden tritt die gebürtige Westerhüserin energisch entgegen. Behandlungswürdig seien neben typischen, vergleichsweise harmlosen Sprachentwicklungsverzögerungen bei Kindern eben auch Krankheiten wie beispielsweise Multiple Sklerose (MS) oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), also schwerwiegende Erkrankungen des zentralen Nervensystems.

In Deutschland sind etwa zwei Millionen Patienten pro Jahr wegen einer neurologischen Erkrankung in ärztlicher Behandlung. Degenerative Krankheiten - bei denen Organe durch das Krankheitsgeschehen in ihrer Struktur oder Funktion nachhaltig geschädigt werden - sind aufgrund des demografischen Wandels auf dem Vormarsch. "Plötzlich sprachlos" - das Motto des am heutigen Freitag stattfindenden Europäischen Tages der Logopädie - sei deshalb ein treffendes Bild, so Tews. Sehr viele Parkinson- oder Schlaganfallpatienten betreue man bereits, so Tews. Für Schlaganfälle etwa sei es kennzeichnend, dass Verben oder Substantive von den Betroffenen weggelassen würden.

Die Logopädin ergänzt: "Vergleichen wir die entsprechenden Hirnareale mit Schubladen: Wenn der Zugriff auf eine dieser Schubladen gestört ist, müssen wir daran arbeiten, über einen Umweg an diese Schublade zu gelangen. Das Wissen ist ja noch da, nur der Zugriff ist verweigert." An diesen und anderen Problemen zu arbeiten, hat sich Tews auf die Fahnen geschrieben. Ihren Traumjob habe sie als Logopädin gefunden. Auch gefällt sie sich in der Rolle, den Patienten neben der Behandlung als Gesprächspartner dienen zu können, denn viele suchen auch nach einem Ort "an dem sie mal abladen könnten", so Tews. Auch, wenn sie vorher muhen müssen.