Nachdem ihr Haus am Barbyer Bahnhofsplatz am 13. April 1945 durch Kriegseinwirkung zerstört wurde, kam die Familie Giering bei Verwandten im Stadtcafé von Erich Joch unter, das in diesen Tagen abgerissen wird. Roswitha Seewitz (geborene Giering) erinnert sich an diese Zeit.

Barby l "Sehen Sie", zeigt Roswitha Seewitz auf ein Fenster im ersten Stock, "da haben wir gewohnt." Ihr Onkel Erich Joch hatte vier Logierzimmer, die in besseren Zeiten an Gäste vermietet wurden. Doch 1945 war es damit vorbei. Hertha Joch holte ihre Schwester und deren Familie zu sich, die bei Kämpfen um den Brückenkopf Barby obdachlos geworden waren.

Später kam die fünfköpfige Umsiedlerfamilie Zorn dazu, die auf dem Dachboden des vornehmen Stadtcafés im Winter bei Eiseskälte, im Sommer bei bulliger Hitze wohnte.

Das Zimmer von Gierings befand sich direkt über der Gaststube.

Gaststube? Wir reden doch vom Café Joch?

"Ja, stimmt. Aber neben dem Café hatte mein Onkel noch einen Raum für die Biertrinker", zeigt Roswitha Seewitz auf die Fenster ganz rechts. "Da war immer was los, kann ich Ihnen sagen: Wir wohnten ja direkt darüber." Ihr Onkel war als guter Geschäftsmann breit aufgestellt: Kaffee und Kuchen für die einen, Bier und Bockwurst für die anderen. Zu besonderen Anlässen habe er die Kneipe auch zur "China- oder Winzerbar" umgestaltet. Schließlich musste man sich gegen die Konkurrenz behaupten.

Gründonnerstag geflüchtet

Erich Joch ging Gründonnerstag 1960 in den Westen zu seiner ältesten Tochter Ursula nach Goslar. Bürgermeisterin Maria Krause hatte sich zuvor stark gemacht, weil die HO das Privat-Café übernehmen sollte. Grund war die Umtriebigkeit von Erich Joch, der gerne Geschäfte mit "Leuten aus dem Aufnahmeheim" machte, wie sich Roswitha Seewitz erinnert. Die "Westdeutschen" kamen zu ihm, wenn sie Ausgang hatten. Joch kaufte bei ihnen Jeans oder Kofferradios, die es im Osten nicht gab, um sie mit Gewinn weiter zu verkaufen. Derartiger Handel und Wandel stieß der Staatsmacht freilich übel auf. Ein viertel Jahr vor seiner Flucht war Joch die Gewerbelizenz entzogen worden. In Goslar betrieb er einen Imbiss-Kiosk, starb vier Jahre später 1964. "Der hat es nicht verkraftet, dass man ihm sein geliebtes Lokal weggenommen hat", meint Roswitha Seewitz.

Joch war 1928 nach Barby gekommen, wo er das Objekt übernahm. Er etablierte es "zum ersten Haus am Platze", wie man damals gern in Zeitungen warb. In der Magdeburger Straße, wo der Gehweg breit genug war, wurden Sonnenschirme, Stühle und Tische aufgestellt. Dort gab es auch Eis aus eigener Herstellung. "Mein Onkel hat es aus Ziegenmilch gemacht. Die Tiere standen auf dem winzigen Hof im Stall", berichtet die 73-Jährige.

Ein Höhepunkt war, wenn "Mode-Rausch" aus Leipzig verpflichtet werden konnte. Der kam mit vier Mannequins und stellte die neuen Kollektionen vor. "Da war es so gerammelt voll, das wir nicht mal mehr Stühle in unserer Wohnung hatten", lacht Roswitha Seewitz. Sie durfte, wenn die Show mit Brautmoden endete, als kleines Mädchen die Schleppen der Bräute tragen.

"Mein Onkel hatte das Talent, alle Menschen in seinem Umfeld zu beschäftigen", hebt Roswitha Seewitz die Augenbrauen. Und sie berichtet von einem Beispiel, dass das unterstreicht. Als sie zu ihrer Konfirmation im dunklen Kleid aus der Kirche kam, entging das Onkel Ete nicht. "Du hast aber ein schickes, schwarzes Klein an - da passt wunderbar `ne weiße Schürze drum", vereinnahmte er die Vierzehnjährige. Wenig später balancierte sie am Tag ihrer Konfirmation mit zehn Bier auf dem Tablett durch das volle Lokal. Es muss dem "Erfinder der Konfirmation" wohl missfallen haben, dass ein junges Mädchen an so einem Tag derart weltlichen Dingen nachging. "Ein Bier kam ins Rutschen und der ganze Kladderadatsch fiel auf den Boden", weiß die 73-Jährige noch genau.

Onkel Ete blieb hinter seinem Tresen freundlich und gelassen: "Steh nicht so lange rum: Hier sind zehn neue Bier."

   

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