Doris Frensel ist es quasi ins Gesicht geschrieben: Seit ihrer Geburt ist die Calbenserin körperlich beeinträchtigt. Doch aus ihrem Handicap hat die 52-Jährige auf eindrucksvolle Weise eine Stärke entwickelt. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Behindertenverband Calbe und ist Vorsitzende des Bundesvereins Tulpe. Deshalb sagt die Volksstimme: "Du bist spitze!"

Calbe l Die argwöhnischen Blicke von Mitmenschen und das Tuscheln über ihre Person sind Doris Frensel seit ihrer jüngsten Kindheit vertraut. Der Grund: Ihr Gesicht entspricht nicht der Norm, und das seit ihrer Geburt. "Ich weiß nur zu gut wie es ist, anders zu sein", sagt die Gesichtsversehrte. Doch wegen dieses Handicaps zieht sich Doris Frensel nicht vor den Blicken zurück. Die Calbenserin hat den entgegengesetzten Weg gewählt.

In der Saalestadt geboren und zur Schule gegangen hat Doris Frensel im damaligen Metallleichtbaukombinat (MLK) den Beruf der Technischen Zeichnerin erlernt. Nach einem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens kehrte sie wieder in den Großbetrieb ihrer Heimatstadt zurück, in dem Stahltragwerke für Industrie- und Gesellschaftsbauten gefertigt wurden. Nach der Wende ging neben dem Stahlbaubetrieb und der Verzinkungsanlage auch das Porenbetonwerk in die Marktwirtschaft über. In den letzten Jahren arbeitete Doris Frensel in der Produktionsvorbereitung. Im Jahr 2005 kam mit der Schließung des Werks ein jäher Einschnitt. "Mein Behinderungsgrad wirkte beim Erhalt meines Arbeitsplatzes wie ein Schutzschild, nach der Schließung war er plötzlich ein großer Klotz am Bein", erinnert sich die 52-Jährige heute. Es folgte eine erfolglose Odyssee an Bewerbungsgesprächen.

Resignation? Für die 52-Jährige war das keine Option. "Ist ein Leben schlecht und traurig nur weil ich eine Behinderung habe?", fragt die Frau mit der Kurzhaarfrisur und gibt gleich selbst die Antwort: "Nein! Für mich ist es eine Herausforderung." Eine lebensbejahende und kämpferische Einstellung, mit der sie andere anzustecken weiß.

Seit 1992 ist sie Mitlied im Behindertenverband Calbe (BVC), schon ein Jahr später wird sie stellvertretende Vorsitzende. Als perfekte Organisatorin der Tages- und Mehrtagesfahrten erhält sie Lob und Anerkennung. Neben den Ausflügen erhalten Mitglieder auch Vorträge zu medizinischen Themen, zu Recht und Sicherheit im Alltag. Zusammen mit BVC-Vorsitzenden Dieter Bollmann engagiert sie sich bei Fragen zur Barrierefreiheit im Öffentlichen Personennahverkehr, macht auf ungenügende Zustände für behinderte und ältere Menschen im Salzlandkreis aufmerksam und lässt die Informationen den Fraktionen des Landtages, des Kreistages und der Stadt Calbe zukommen. Acht Jahre arbeitete sie zudem im Vorstand des Landesbehindertenverbandes mit.

Im Bundesselbsthilfeverein Tulpe fand sie eine Gemeinschaft von hals-, kopf- und gesichtsversehrten Menschen und wurde ebenfalls Mitglied. Dort erkannte man sehr schnell ihre Fähigkeiten und sie wurde in den Vorstand gewählt. Mittlerweile ist sie die Vorsitzende und weiß aus eigener Erfahrung um die Probleme der Betroffenen. "Es ist besonders wichtig, ihnen gut zuzusprechen und sie bei Krankheit oder nach einem Unfall vor einer Isolation zu bewahren", sagt die Salzlandfrau des Jahres 2013.

Mit der Toleranz und Akzeptanz von Behinderten in der Gesellschaft sei es oftmals schlecht bestellt. Dennoch seien Hoffnung und Mut sowie gute Freunde stets gute Begleiter. Sie ermutigt Betroffene mit einer Behinderung auf "gesunde" Menschen zuzugehen, um gestärkt aus dieser Situation hervorzugehen. "Wir können Mitmenschen überzeugen, dass wir genau so sind wie sie", sagt Frensel. Für den Verein nimmt sie deutschlandweit an vielen Wochenenden an Tagungen der Krebsgesellschaft, an Arztkongressen, Messen und Selbsthilfeveranstaltungen teil.

"Ich schöpfe Kraft aus den vielen Begegnungen mit Menschen, die einen Neuanfang geschafft haben oder auf dem Weg dorthin sind", erklärt Frensel, die sich außerdem im Chor der evangelischen Kirchgemeinde und im Kleingartenverband engagiert.

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