So geht die Evolution: Männchen fallen durch ihr Imponiergehabe auf, Weibchen durch ihren Locktrieb. Ganz besonders ausgeprägt ist dieser Ur-Instinkt bei Jünglingen, die in der Pubertät sind. Nachfolgende wahre Geschichte erzählt von einem solchen Fall, wo aus einem Angeber ein kreativer Band-Leiter wurde.

Barby l Sommer 1968: Die DDR erhält eine neue Verfassung, in West-Berlin wird auf Studentenführer Rudi Dutschke geschossen, die Russen marschieren in Prag ein, Olympische Spiele in Mexiko vereinen die Fernsehgemeinde...

Der 14-jährige Ralph aus Barby verlebt mit seinen Eltern einen sonnigen Ostseeurlaub, wo er die gleichaltrige Angelika aus Berlin kennenlernt. Um der attraktiven Blondine zu gefallen, nimmt es Ralph mit der Wahrheit nicht so genau. "Ich habe bei uns zu Hause eine Band, spiele selbst Elektrogitarre!" "Ach, is´ ja interessant. Schick doch mal ein Foto von deiner Gruppe", lächelt Angelika zuckersüß. "Ein Foto, mmmja, mach´ ich, wenn du unbedingt willst!?"

Aus den Lautsprechern der Kofferradios, die als plärrende Statussymbole durch die Straßen des Städtchens geschleppt werden, tönen immerfort solche Heroen wie die Stones, Beatles, Kinks oder Bee Gees. Wer solche Musik auf der Gitarre spielen kann, nimmt Teil an deren Ruhm. Die Mädels fliegen darauf. Scharenweise ...

Wieder in Barby hat der verknallte 14-Jährige ein Problem. Er spielt weder in einer Band, noch hat er Ahnung, wie man eine Gitarre überhaupt richtig herum hält. Dafür ist er ein pfiffiges Kerlchen, das sich zu helfen weiß. Im Schulunterricht hat er mal was von Potemkinschen Dörfern gehört, die aus Holzfassaden bestanden, der Zarin aber bewohnte Ortschaften vorgaukelten.

Also besorgt sich Ralph ein altes Backbrett, zeichnet darauf den Umriss einer E-Gitarre und sägt das Ganze mit dem Fuchsschwanz aus. Für die Mechanik muss der Stabilbaukasten herhalten, ein aufgetrieselter Moped-Bowdenzug gibt die Saiten her. Rot angepinselt und mit einem Kopfhörerteil versehen sieht das Ding ganz passabel aus. Jedenfalls für ein Foto.

Fußtrommel Regentonne

Nun braucht die Band natürlich noch ein Schlagzeug. Ralph konfisziert dafür eine halbe Regentonne, malt auf ihren Fuß den Namen der fiktiven Kapelle: "Club 6". Gleiches geschieht mit zwei Hutschachteln, die als Trommeln dienen.

Die Besorgung von Statisten, die ebenso wie Ralph Potemkin keinen Schimmer von Rock `n` Roll haben, erweist sich nicht so aufwändig. Nachbarsjunge Bernhard (14), die Haare gegeelt und in fescher Windjacke, posiert mit einer Mandoline, Joachim (13) hockt hinter dem Hutschachtel-Regentonnen-Schlagzeug.

Ein tolles Bild.

Ralphs Vater Erwin, der selbst begeisterter Schmalfilmer ist, drückt auf den Auslöser der Uralt-Box. Das Fehlen der Regentonne wird zwar den Hof unter Wasser setzen - aber immer noch besser, dass die Bengels solche Sachen machen, als Rauchen oder Saufen, denkt der Vater. Nach zwei Wochen - solange dauert die Entwicklung der 7x10-Bildchen bei Fotografenmeister Heinz Hartmann - sind die Star-Fotos fertig.

Ralph steckt sie in seinen Liebesbrief. "Nach soviel Aufwand muss mir die Braut einfach zu Füßen liegen", ist er mit sich zufrieden. Nach wenigen Tagen kommt die Anwort der Angebeteten aus Berlin. "Ja, schön. Vielen Dank für die Fotos. Ach, was ich noch fragen wollte: Wer ist denn der Junge in der Windjacke???"

Ralph ist entsetzt. Da sägt, schleift, hobelt, feilt und pinselt man tagelang und dann interessiert sich die Kirsche nur für der Kerl in der Windjacke. Der 14-Jährige gewinnt zum ersten Mal in seinem jungen Leben die Erkenntnis, dass es mit der weiblichen Logik nicht weit her sein kann ...

Schräge Töne nehmen zu

Der von den Frauen enttäuschte Ralph kompensiert seinen Weltschmerz nun durch Arbeit. Nein, nicht mit Mathe, Physik oder Chemie, wie es seine Eltern gerne hätten - er werkelt an seiner Pseudo-Gitarre weiter. Die bekommt richtige (selbst gewickelte!) Tonabnehmer, echte Saiten und eine Mechanik aus dem Musikgeschäft. Weil sich das Gitarren-Backbrett unter dem Saitenzug zu einem Flitzebogen verzieht, wird der Hals mit einer Alu-Schiene verstärkt. Man braucht nun Kraft und lange Finger, um überhaupt darauf spielen zu können. An ein altes Radio angeschlossen gibt das Ding sogar Töne von sich. Was für ein geiler Elektrogitarren-Sound. (Doch Stopp - das Wort "geil" sagte man damals noch nicht. Jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang ...)

Von seinem Onkel, der Schuldirektor ist, bekommt Rocker-Ralph Trommel, Pauke und ein Becken geliehen, die einst dem Fanfarenzug dienten. Das Schlagzeug ist fertig.

Aus einem Kabüffchen des Hauses nehmen die schrägen Gitarrentöne zu. Was Eltern, Großeltern und Anwohner nervt, lässt Teenager aufhorchen. Besonders die weiblichen! Bei Ralph geht die Post ab, da probt eine Band.

Ralphs Gitarrenspiel wird besser, doch ein Sänger und ein Trommler fehlen. Der zielstrebige 14-Jährige veranstaltet daraufhin einen Contest, wie wir heute auf neudeutsch sagen würden. (Seine Eltern sind immer noch der Meinung, dass er lieber Mathe, Physik, Chemie usw ...) Viele seiner Klassenkumpel bewerben sich um den Job als Trommler. Sogar der 13-jährige Thomas, der eher wie 12 aussieht, wagt, gegen die Konkurrenz der "Großen" anzutreten. Doch Rhythmusgefühl hat nichts mit Alter und Schönheit zu tun - Thomas wird Schlagzeuger. Irgendwann stößt als Dritter Bernd hinzu, der 15 ist und wie 17 aussieht. Er hat es "fürchterlich mit den Weibern", wie es sich für eine Band gehört, die am liebsten Rolling Stones spielt.

I can´t get no, satisfaction ...

Verhältnis 60 zu 40

Einige Monate später. 1. Mai 1969, Rautenkranz Barby. Der "Evergreen Club" spielt heiße englische Hits nach roten Fahnen und markigen Propagandareden. Die drei Musiker rocken ihr Programm herunter. Natürlich sind auch die Jung-Musikanten der "The Travelers" im Saal, wie sich Ralph, Bernd und Thomas nun nennen. Ralph kann schon sechs Griffe, Thomas einen Wirbel und Bernd in einer Sprache singen, die Ähnlichkeit mit Englisch hat.

Auch Ralphs Klassenkameradinnen Brigitte und Monika sind da. Monika (15) ist ein keckes Mädel mit kurzem Rock. "Jetzt frage ich die Alten da oben, ob sie nicht ein Bier trinken gehen wollen und ihr spielt mal", sagt sie und tut es auch. Während Ralph und Bernd hoffnungsvoll grinsen, rutscht Thomas das Herz in die Hose und er selbst am liebsten unter den Tisch. "Seid ihr verrückt. Hier spielen, vor so vielen Menschen?" Dann die Ansage, die keinen Rückzug mehr zulässt: "Wir machen jetzt mal `ne Pause. Hier sind drei Schüler, die für euch spielen möchten." Applaus, Applaus.

"The Travelers" klimpern drei Titel runter -der Saal klatscht heftig. Nicht wegen der musikalischen Qualität, sondern weil mehrheitlich Gleichaltrige im Publikum sind. Die "Alten", die zuvor den "machtvollen Demonstrationszug" hinter sich gebracht haben, stehen sowieso bei Elfriede am Tresen, um sich dem Genuss geistiger Getränke hinzugeben.

Nach diesem Auftritt auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wird Kulturfrau Jutta Sinast vom Rat der Stadt auf die Musikanten aufmerksam. Fortan dürfen sie im Rathauskeller proben, wo ein richtiges Schlagzeug zur Verfügung steht. Das Repertoire und die Fertigkeit wachsen. (Obwohl Ralphs, Thomas´ und Bernds Eltern es lieber gesehen hätten, wenn sie ihre Energie in Mathe, Physik und Chemie gesteckt hätten ...)

Es folgen Auftritte, bei Schülerfeiern in der Kulturhalle und im Rautenkranz. Sogar ein Open Air im leeren Schwimmbadbecken wird auf die Beine gestellt. Die Kulturfrau der Stadt legt nahe, dass sich "The Travelers" lieber einen deutschem Namen zulegen sollten. So entsteht "Club 69", was nicht ganz so "westlich-dekadent" klingt.

Trotzdem bekommen die blutjungen Musiker, wie alle anderen Bands auch, zuweilen Probleme mit der staatlichen Zensur, weil sie nicht das vorgegebene Verhältnis 60 : 40 einhalten. (Man muss 60 Prozent DDR-Titel und darf maximal 40 Prozent Westtitel spielen.) Was mit Rücksicht auf das zahlende Publikum nicht möglich ist, weil in der DDR-Musiklandschaft Ende der 60er nur öde Schlager-Fuzzis den Ton angeben.

Die Kapelle "Club 69" existiert knapp zwei Jahre. Die Musikanten erhalten pro Auftritt und pro Nase 20 bis 50 Mark Gage, was ein ungeheures Sümmchen ist.

Fazit: So schlecht ist es gar nicht, dass männliche Imponiergehabe ...