Heute vor 70 Jahren fiel der Wehrmachtssoldat Peter Gilbertz bei Groß Rosenburg. Er stammte aus Luxemburg. Auf seinem Grabstein stand bis vor wenigen Wochen noch "Unbekannter" (Soldat). Ein Zufall half ihn zu identifizieren.

GroßRosenburg l Im Mai 1942 fehlen dem Oberkommando der Wehrmacht bereits 625000 Mann. Ende August tritt das von der Luxemburger Bevölkerung Befürchtete ein: Es wird die allgemeine Wehrpflicht in dem besetzten Land eingeführt. Die Luxemburger müssen, ebenso wie die Lothringer und Elsässer, zur Wehrmacht. Unter ihnen ist auch Peter Gilbertz. Er ist der älteste Sohn einer Bauernfamilie und soll einmal den Hof im luxemburgischen Göblingen übernehmen.

Soll.

US-Vormarsch aufhalten?

Doch nun muss er unfreiwillig einem Land dienen, das nicht das seine ist. Den 20-Jährigen verschlägt es Mitte April mit seiner Wehrmachtseinheit in einen Ort, der einen verheißungsvoll schönen Namen trägt: Groß Rosenburg. Zwar weiß der junge Mann, wo die Flüsse Elbe und Saale liegen, von dem Dorf aber hat er noch nie etwas gehört. Seine Einheit ist das Pionier-Ersatz-Bataillon 13, Brandenburg (Havel).

Peter Gilbertz und seine Kameraden sollen den Vormarsch der Amerikaner aufhalten. Ein aberwitziger Befehl, denn die deutsche Kriegsmaschinerie liegt längst am Boden. Am 15. April überqueren Sturmboote der 83. US-Division die Saale. Die Rosenburger Bevölkerung hört heftigen Feuerwechsel, der bis zum 16. April anhält. Bereits drei Tage zuvor beschießen die Amerikaner das Doppeldorf von Werkleitz aus. Mehrere Zivilisten werden dabei getötet. Auch zwei Dutzend deutsche Soldaten kommen während der Kämpfe ums Leben. Am 16. April 1945 fällt Peter Gilbertz. Er wird zusammen mit seinen Kameraden auf dem Groß Rosenburger Friedhof beerdigt.

Stahlhelme auf Gräbern

Nach Kriegsende lässt die Gemeinde schlichte Holzkreuze setzen, auf denen die Namen der Soldaten stehen. Davor liegen deren Stahlhelme auf üppigem Blumenschmuck. In einer Zeit von Perspektivlosigkeit, Verzweiflung und Leid ein ungewöhnliches Bild.

Viele Jahre später werden die Holzkreuze durch Kunstbeton-Platten ersetzt. Das Land heißt mittlerweile Deutsche Demokratische Republik. Nach offizieller Lesart sind nun (auch) alle Wehrmachtsangehörigen "Kriegsverbrecher". Dennoch werden die Steine aufgestellt.

Dabei geschieht allerdings ein Fehler: Auf drei Steinen steht "Unbekannter" (Soldat). Es fehlt der Name von Peter Gilbertz, der zuvor auf dem Holzkreuz zu lesen war.

Auch zu DDR-Zeiten hält die Gemeinde daran fest, die Gräber zu pflegen. An den Inschriften nagt jedoch der Zahn der Zeit. Sie werden immer unleserlicher.

2000 verwendet die Jagdgemeinschaft Rosenburg einen Teil ihrer Pachteinnahmen, um die Steine restaurieren zu lassen. Das wiederholt sich 2015. Doch jetzt sind es nur noch zwei "Unbekannte". Peter Gilbertz Name taucht wieder auf.

Dienststelle gibt Hinweis

Und das kommt so: In Klein Rosenburgs Naturlandhof von Evelin Malecki ist 2014 ein Ehepaar aus Luxemburg zu Gast. Beim Frühstück kommt man ins Gespräch. Léa Arendt und ihr Mann erzählen, dass sie auf der Durchreise sind und das Grab ihres Onkels Peter Gilbertz besuchen möchten. Doch sie würden es nicht finden. Evelin Malecki kennt die Soldatengräber, weiß auch dass drei Unbekannte darunter sind.

Léa Arendt berichtet, dass nach einer Anfrage an das zuständige Luxemburger Ministerium bereits 2012 die "Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht in Berlin" folgendes mitteilt: "Peter Gilbertz, geboren am 6. Januar 1925 in Göblingen (Luxemburg), gefallen in Groß Rosenburg am 16.04.1945". Das Paar hat auch zwei Fotos im Gepäck, die Peter Gilbertz sowie dessen Grab zeigen. Dessen Mutter hatte im Sommer 1945 Kontakt zur Gemeinde aufgenommen, mehrmals Geld geschickt und schließlich das Grabfoto erhalten.

2015 lässt die Jagdgenossenschaft einen der drei Steine mit der Inschrift "Unbekannter" austauschen. Seit Februar hat das Grab von Peter Gilbertz, der heute vor 70 Jahren 20-jährig in Rosenburg fiel, wieder eine Identität.

   

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