Bei einem Planspiel am Gymnasium lernen die Schüler, wie Politik auf der großen Bühne vonstatten geht. Begleitet wird die Aktion von einer Organisation, die Jugendlichen Inhalte und Prozesse der Europapolitik durch Projektarbeit vermittelt.

Schönebeck l Brüssel ist weit weg - und mit ihm auch die Europapolitik. Denn in der belgischen Hauptstadt spielt sich der Großteil des ungreifbar erscheinenden und doch so wichtigen Eurogeschehens ab. Deswegen gehen Schüler des Schönebecker Gymnasiums "Dr. Carl Hermann" dem ganzen jetzt näher auf den Grund. Beim Europaprojekttag lernen sie zusammen mit den Experten von "GoEurope!" die andere Seite der Lehrbücher kennen.

"GoEurope!" ist der Name des Europäischen Jugend Kompetenz Zentrums Sachsen-Anhalt. Die 2009 gegründete Organisation zielt darauf ab, Jugendlichen auf unterschiedlichen Wegen den Themenkomplex Europäische Union (EU) näher zu bringen.

Zusammen mit vier Referenten von "GoEurope!" führen die Neuntklässler des Schönebecker Gymnasiums ein Planspiel durch. Dazu schlüpfen sie in die Rollen von Abgeordneten des EU-Parlaments. Beim Betreten der Aula erhalten sie alle einen Fraktionsausweis. Darauf vermerkt sind das von ihnen repräsentierte Land sowie die Fraktion, der sie nun für einige Stunden angehören. Vier EU-Fraktionen sind vertreten: Europäische Konservative und Reformisten (ECR), Progressive Allianz der Sozialdemokraten (S D), Europäische Volkspartei (EVP) und Vereinte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke (GUE/NGL).

"Das muss nicht eurer Meinung entsprechen"

In dem Planspiel geht es darum, sich mit einem Gesetzentwurf der Europäischen Kommission auseinanderzusetzen und letztendlich darüber abzustimmen. Doch bevor es für die Jugendlichen ans "Politikmachen" geht, müssen sie sich mit ihren neuen, womöglich sogar gänzlich unbekannten Fraktionen beschäftigen. Es gilt zu klären, was überhaupt die eigenen Ziele sind. Dazu dient der erste Teil des vorbereiteten Planspiels.

Die Schülerfraktionen ziehen sich zurück. In Arbeitsgruppen sollen sie ihre Leitlinien und Positionen erarbeiten. Die Vertreter von GUE/NGL sind anfangs zurückhaltend. "Das muss nicht alles eurer persönlichen Meinung entsprechen", gibt Referentin Manuela Szepan daher zu bedenken. Also beginnt die Gruppe erst einmal mit der Wahl eines Sprechers. Dieser wird den anderen Fraktionen später die Ergebnisse vorstellen.

Währenddessen beschäftigen sich die EVP-Verteter schon intensiv mit den Richtlinien der Europäischen Volkspartei. Betreut werden sie von "GoEurope!"-Referent Andreas Kegler. Er gibt zu verstehen, wieso dies ein wichtiger Schritt ist, um Europa zu verstehen: "Dadurch wird gelernt, dass sich die Fraktionen aufgrund ihrer verschiedenen Interessen Stück für Stück annähern müssen. Deshalb ist es oft schwierig, einen Konsens zu finden." Ein Beispiel liefert er auch: "Deutschland erkennt den Kosovo an. Spanien beispielsweise nicht."

Um diese Unterschiede nicht nur anhand von Faktenwissen kennenzulernen, macht das Projekt sie nun "erlebbar". Sozialkundelehrer Bernd Schnurre weiß um den Wert solcher Erfahrungen: "Das ist Schule an einem anderen Ort, außerhalb des Klassenraums. Lernen durch Handeln bringt den Schülern sehr viel."

Kaum ist die Beratungsrunde vorbei, findet auch schon die erste parlamentarische Sitzung statt. Hier erfahren die Schülerfraktionen durch die Sprecher der anderen Gruppen erstmals, durch welche Leitmotive ihre politischen Mitstreiter oder Konkurrenten sich eigentlich definieren. So ist die Wirtschafts- und Finanzpolitik der EU ein zentrales Thema für die EVP, während die Sozialdemokraten S D eher auf Sozialpolitik fokussiert sind. Die linksorientierte GUE/NGL wiederum setzt sich vorrangig für mehr und direktere Demokratie in Europa ein, die EU-kritischen Nationalisten von ECR peilen eine stärkere Autorität aller Staaten der Europäischen Union an.

Den Neuntklässlern wird hier ein weiteres Mal klar, wie sehr die politischen Organisationen sich voneinander unterscheiden - und wie schwierig die Zusammenarbeit im EU-Parlament demnach zu sein scheint...

Nachdem alle Gruppen einen umfangreichen Eindruck voneinander bekommen haben, präsentieren die Organisatoren von "GoEurope!" endlich das Thema des Gesetzentwurfes - dieses könnte aktueller nicht sein. Denn es geht um Flüchtlingspolitik. Im fiktiven Gesetzentwurf der Europäischen Kommission heißt es, dass "ab 2016 alle Staaten der Europäischen Union verpflichtet sind, prozentual ihrer Wirtschaftseinkommen und Bevölkerungsdichte Flüchtlinge aufzunehmen."

Der vorgeschlagene Entwurf soll konstruktiv diskutiert werden. Schwere Kost. Insbesondere wenn man plötzlich die Meinung einer Organisation vertreten muss, mit der man selbst so gar nicht richtig übereinstimmt und deren Programm einem bis dato gänzlich fremd war.

Eine weitere Besprechungsrunde ist nötig. In den Arbeitsgruppen beraten die Fraktionen über ihre Vorgehensweise in der sich anbahnenden Parlamentsdiskussion.

"Die Flüchtlinge kommen - das steht fest!"

Der Fraktionssprecher von S D, Jonas Sandau, ist sich sicher: "Eine einheitliche Asylpolitik ist wichtig!" Zustimmendes Nicken in der Beratungsrunde der jungen Sozialdemokraten verrät, dass die Fraktionsmitglieder ihn unterstützen. Nachdem weitere Meinungen eingeholt wurden, macht sich noch ein anderer Tenor breit: Warum nutzen wir nicht unsere Möglichkeiten und verbessern die Situation in den Heimatländern der Flüchtlinge? Die Antwort kennt Rebecca Lange, Betreuerin der Gruppe: "In der aktuellen Situation kann den Ländern nicht geholfen werden. Deshalb werden die Flüchtlinge kommen - das steht fest."

Eine Strategie im Umgang mit ihnen muss daher gefunden werden. Dazu notiert Rebecca Lange an der Tafel eine Vielzahl von Wertevorstellungen. Ganz demokratisch wird darüber abgestimmt, welche vier davon am wichtigsten sind. Die Wahl der Schüler fällt auf Menschenrechte, Toleranz, Gleichberechtigung und Hilfsbereitschaft.

"Toleranz ist besonders wichtig, denn wenn Menschen aus anderen Ländern hierher kommen, sollte ich nichts grundsätzlich ablehnen und mich mit allem auseinandersetzen", erklärt Rebecca Lange. Den Wert von Freiheit kann der Schüler Benjamin Lindner zusammenfassen: "Man sollte den Menschen die Freiheit wiedergeben, die sie in ihren Heimatländern nicht haben."

Anschließend verrät die Gruppenbetreuerin, dass die Schüler mit der Auswahl ihrer Werte ganz nah an den offiziellen Grundwerten der Europäischen Union liegen. S D geht also mit reichhaltigen Argumenten in die nahende Debatte.

"Ist eure Haltung mit EU-Werten vereinbar?"

Ganz im Stile eines echten Parlaments platzieren sich die Fraktionen mit ähnlichem politischen Inhalt auf jeweils einer Seite: GUE/NGL und S D sitzen im linken, EVP und ECR im rechten Flügel. Nacheinander präsentieren die Sprecher die Positionierung ihrer Fraktionen.

Die Europäischen Linken eröffnen die Debatte und nehmen die EVP ins Visier: "Wie ist eure ablehnende Haltung mit den Werten der EU vereinbar?" Bevor die Antwort verkündet werden kann, brandet ein lautes Stimmenwirrwarr auf: Eine hitzige Diskussion entsteht. Die Antwort der EVP wirft neue Fragen, vor allem aber Gegenfragen auf: "Wie wollt ihr dieses Gesetz eigentlich finanzieren?", heißt es aus den Reihen der rechtsorientierten Fraktionen.

"Heute habt ihr gelernt, wie man Politik macht."

Schlussendlich stimmen die 77 jungen Parlamentarier über den Gesetzentwurf ab. 38 Für- und 36 Gegenstimmen - die absolute Mehrheit von 51 Prozent ist erreicht. Das Gesetz ist beschlossene Sache.

"Heute habt ihr gelernt, wie Politik gemacht wird", verkündet Andreas Kegler, "und wie schwierig das ist, Entscheidungen zu treffen."

Auch Sozialkundelehrerin Ulrike Prill ist von dem Lerneffekt des Projekttages überzeugt: "Diese andere Form des Lernens ist viel nachdrücklicher als der bloße Schulunterricht."

Für die Schüler der neunten Klassen geht ein aufregendes und zugleich anstrengendes Projekt zu Ende. Doch bei vielen dürfte damit eine neue Denkweise eingesetzt haben: In der großen Politik ist nicht alles so einfach, wie man es sich als Außenstehender gerne vorstellt.

 

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