Im August dieses Jahres feiert Barby die 1050. Wiederkehr der urkundlichen Ersterwähnung. Deshalb wird in den kommenden Monaten an Persönlichkeiten erinnert, die aus Barby stammen oder eine Beziehung dazu haben. Heute: Constantin von Dietze. Wegen seiner Kontakte zu Bonhoeffer und Goerdeler wurde er im September 1944 verhaftet und wegen Hoch- und Landesverrats angeklagt. Dietze kam in das Konzentrationslager Ravensbrück. Später drohte ihm in Berlin das Todesurteil.

Barby/Gottesgnaden. Kaum noch etwas erinnert an die Zeit der königlichen Domäne Gottesgnaden, deren Pächter vor einhundert Jahren ein gewisser Rittmeister von Dietze ist. In diesem ländlich-sittlichen Milieu wird am 9. August 1891 Constantin von Dietze geboren. Sein Barbyer Großvater, Amtsrat Adolph von Dietze (1825-1910), ist Reichstagsabgeordneter, Bismarck-Freund und Chef eines preußischen Mustergutes.

Kindheit in Gottesgnaden

Die Kindheit in Gottesgnaden und der Aufenthalt auf dem Barbyer Rittergut prägen Constantin von Dietzes Liebe zur Landwirtschaft.

Dem Abitur in Schulpforta (Bad Kösen) folgt ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaft in Cambridge, Halle und Tübingen. Im ersten Weltkrieg gerät er 1915 in russische Gefangenschaft, die ihn bis ins fernöstliche Chabarowsk führt. Dort erlernt von Dietze die russische Sprache derart, dass er sich als russisch sprechender Balte ausgibt und seine Flucht unter abenteuerlichen Bedingungen nach Estland gelingt. Schon 1919 promoviert er in Breslau mit einem landwirtschaftlichen Thema, drei Jahre später erfolgt die Habilitation in Berlin. 1932 erhält von Dietze den Ruf an die Berliner Universität.

Nach 1933 jüdische Studenten promoviert

Sein Vorgänger, Max Sering, war in den zwanziger Jahren der unumstrittene Nestor der deutschen Agrarwissenschaft, geriet aber bald mit den Nationalsozialisten und ihrer völkischen Agrarpolitik in Konflikt. (Während ihrer gemeinsamen Arbeit stellt sich zufällig heraus, dass auch Sering aus Barby stammt. Er wurde 1857 als Sohn eines bekannten Musikschriftstellers dort geboren).

Rasch macht auch von Dietze sich politisch mißliebig. Er promoviert nach 1933 jüdische Studenten und kritisiert offen die nationalsozialistische Agrarpolitik. 1937 führt ein offen ausgetragener Konflikt mit den "Deutschen Christen" zur ersten Verhaftung. Als von Dietze von der Berliner Universität entfernt werden soll, folgt er dem Ruf zu einer Professur der Volkswirtschaftslehre nach Freiburg im Breisgau. Dort trifft er gleichgesinnte Professoren und Pfarrer der Bekennenden Kirche. Man diskutiert darüber, welcher Widerstand von Christen dem totalitärem System gegenüber ausgehen muss.

Und mehr noch: Es wird eine geheime Denkschrift ausgearbeitet, die sich mit Deutschlands Wiederaufbau nach Friedensschluss beschäftigt. Derartige Aktivitäten gelten als Hochverrat.

Zum "Freiburger Kreis" zählt auch der frühere Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler. Er beabsichtigt, die Denkschrift nach dem Sturz Hitlers als Material für sein Regierungsprogramm zu verwenden. Wie die Geschichte lehrt, kommt es dazu nicht. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 werden Oberst von Stauffenberg, Generaloberst Ludwig Beck, Carl Goerdeler hingerichtet, Constantin von Dietze sowie weitere Professorenkollegen des Freiburger Kreises in Haft genommen. Die Anklage des Volksgerichtshofs lautet "Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung".

Mithäftlinge zur Hinrichtung geführt

Trotz Misshandlung und üblen Verhören findet Constantin von Dietze die Kraft, 444 Seiten Lebenserinnerungen aufzuschreiben und sie in einer nur von seiner Frau Margarethe zu entziffernden Kurzschrift als Kassiber herauszuschmuggeln. In dieser aussichtlosen Situation hilft von Dietze sein ausgeprägter Glaube an Gott. Er hält ihn auch dann noch aufrecht, als um ihn herum die Mithäftlinge zur Hinrichtung geführt werden.

Das als sicher erwartete Todesurteil verhindert die Bombardierung des Volksgerichtshofes und der Tod seines obersten Richters Roland Freisler. Im Chaos der letzten Kriegstage kann von Dietze flüchten. Er schlägt sich nach Barby durch, setzt bei Monplaisir (Fährstelle Schweine-Glück) über die Elbe und erscheint auf dem Rittergut mit dem Fahrrad.

Nach Einmarsch der Roten Armee in Barby und der erfolgten Enteignung seines Bruders Adolf, versucht Constantin von Dietze noch das Schlimmste abzuwenden. Aber weder sein perfektes Russisch noch seine Gegnerschaft zu den Nazis können bei den Ideologen der anderen Farbe, insbesondere den deutschen, etwas bewirken.

Im Juni 1945 nimmt von Dietze die Lehrtätigkeit an der Freiburger Universität wieder auf. In sein geliebtes Barby, wo er seine geistigen und politischen Wurzeln hat, kehrt er auch nach dem Bau der Mauer oft zurück.

In der Heimat keine Erinnerung

Am 18. März 1973 stirbt Constantin von Dietze in Freiburg. Am alten Kollegiengebäude der dortigen Universität erinnert eine Inschrift an ihn. Was erinnert in seiner Heimat an ihn? Nichts! Schuld daran ist in heutiger Zeit nicht Ignoranz, sondern fehlende Information. Zudem kommt die Tatsache, dass 40 Jahre lang Großgrundbesitzer und Adelige zu Unpersonen erklärt wurden. Das unter ihnen Leute wie von Dietze waren, passte nicht ins Bild der DDR-Ideologen.

Die Albert-Ludwig-Universität zu Freiburg (Breisgau) vergibt seit 1998 an Studenten den "Constantin-von-Dietze-Preis".

Bilder