Güsten l Ihr Bahnhofsgebäude zu erkennen, fiel natürlich den Lesern aus der Stadt, die sich einst Eisenbahnerstadt nannte, nicht schwer. "Das ist der zur Kanonenbahn gehörende Bahnsteig 1, als es noch kein Hängedach gab", erzählt Ralf Elstermann. "Jeden morgen kam da zu DDR-Zeiten ein Interzonen-Zug aus Berlin, der nach München fuhr. Da stand die Polizei, weil die Reisenden mitunter auch Zigaretten rausreichen wollten." Nachmittags, als ein sogenannter "Gardinenzug" - ein Schlafwagenzug aus der Sowjetunion - in Güsten hielt und Wasser für den Kessel nahm, "hat es nichts zu erben gegeben".

"Da war noch alles schick im Bahnhofsgebäude."

An eine Begebenheit mit einem "Russenzug" erinnert das Postkartenmotiv Helmut Brandstädter aus Giersleben: "Bei Arbeiten auf dem Bahnhof 1955 hielt ein Zug mit Kriegsgefangenen auf der Fahrt von Russland nach Frankfurt/Main. Plötzlich - ein Auflauf von Menschen mit Plakaten. Als vier Personen ausstiegen, wurden sie von den Demonstrierenden als Kriegsverbrecher beschimpft." Das sei seinem Kollegen, einem kräftigen Zimmermann zu viel gewesen, so Helmut Brandstätter. Der habe sich kurzerhand von der Baustelle über dem Bahnsteig 1 abgeseilt, einen Demonstranten in den Schwitzkasten genommen und ins Gewissen geredet: "Weißt du eigentlich, wo die herkommen?" Menschen könnten furchtbar sein, kommentiert unser Leser aus Giersleben noch.

Ronny Omnitz aus Güsten, 32 Jahre jung, erzählt: "Als ich etwa acht Jahre alt war, war der Bahnhof noch sehr gut erhalten. Es gab eine Mitropa, wo man essen, Kaffee oder sein Bierchen trinken konnte. Da war noch alles schick im Bahnhofsgebäude." Neulich sei er mit seinem Sohn (sieben Monate) spazieren gegangen, als ein Reisender entgegen kam und fragte, wo er denn einen Kaffee trinken könnte - er habe eine Stunde Aufenthalt. "So sind wir ins Gespräch gekommen über den Bahnhof. Der Reisende meinte: ,Dort stinkt\'s nach Pisse und ist\'s total dreckig.\' Ich hab ihn zum Dönerladen um die Ecke geschickt, da es an einem Sonntag war." Warum es die Mitropa nicht mehr geben würde, konnte ihm Ronny Omnitz auch nicht beantworten. Und der Güstener fragt sich: "Was wird aus unserem Bahnhof noch werden, Herr Bürgermeister?"

"Bei dem Heimatfoto handelt es sich um den einst so imposanten Bahnhof von Güsten", weiß auch Ingrid Brösicke aus Güsten. "Dort gingen vor Jahren noch viele Menschen ein und aus. Heute traut man sich fast keinen Fuß mehr hineinzusetzen. Es ist einfach nur traurig, so ein schönes Gebäude vor sich hin gammeln zu sehen.

Und Susanna Fischer aus Löderburg bemerkt nur kurz: "Wer so oft wie ich morgens vor den Schranken am Bahnhof stand, in der Hoffnung den Zug nicht zu verpassen, vergisst diesen Bahnhof nicht."

Die Glücksfee ermittelte Ronny Omnitz als Gewinner eines kleinen Volksstimme-Präsents. Vielen Dank allen Teilnehmern, vor allem für ihre Erinnerungen zum Thema Bahnhof Güsten.

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