Staßfurt l Von Mikrofonen im Schwarzmarktwert von 1200 DDR-Mark und VE-Titeln (VE = Verbotene Einfuhr), von einem eingeschlafenen Organisten, der nach längerer Predigt des Pfarrers beim Wachwerden zur "Damenwahl!" rief und vielen anderen Geschichten zeugt die am Sonntag im Staßfurter Stadt- und Bergbaumuseum eröffnete, sehr umfangreiche Sonderausstellung "Ein Leben mit der Musik - Geschichten und Erinnerungen Staßfurter Musiker seit 1950".

Die Befürchtung von Museumsleiter Michael Scholl, dass auf Grund des alleinigen Themas weniger Besucher kommen würden - sonst lädt er zu bis zu vier verschiedenen Sonderausstellungen ein - bestätigte sich nicht. Und auch Ina Siebert an der Kasse bemerkte keinen Museumsfreund, der nicht gern den höheren Eintrittspreis von drei Euro in die Kasse steckte. "Manche gaben sogar zwei Euro mehr für die Spendenbüchse des Museums", so die Fachdienstleiterin Kultur der Stadt, die sogar noch einige Jahreskarten verkaufte.

"Selbst in der Gaststätte des wohl beliebtesten Staßfurter Tanzlokals wurde vier Mal die Woche Musik gemacht."

Und die Geschichten wurden reichlich ausgetauscht, nicht nur unter den "Muckern" oder "Muggern", wie die Musiker sich auch nennen. An jedem Exponat - ob Veranstaltungsplakat oder instrumentale Rarität wie die Staubsauber-Orgeln aus den 1950er Jahren - hängen zig Erinnerungen.

Die Musikerszene im Altkreis kannte in der beschriebenen Zeit an die 50 Tanzkapellen, schätzt Gerhard Wiest, einst selbst Mitglied der Magneten, von Orion und Octogon. Allein in Staßfurt hätten 1967 etwa 20 Kapellen für Unterhaltung gesorgt. Noch in einer Aufstellung des damaligen Staßfurter Kreiskabinetts für Kulturarbeit von 1989, die Volkskunstkollektive aufzählt, wurden 21 Bands und Alleinunterhalter genannt. In den 1980er Jahren nahm allerdings die Zahl der Live-Musiker schon ab, als sich die Tendenz zur "Konserve" abzeichnete.

"Das weckt schon alles Erinnerungen, zum Beispiel an das Konzerthaus Klingsch", freut sich Volker Telge (einst Partysound, Fughettas) über die sehr gelungene Sammlung, "Selbst in der Gaststätte des wohl beliebtesten Staßfurter Tanzlokals wurde vier Mal die Woche Musik gemacht. Da spielten in den 1970ern Musiker verschiedenster Gruppen zusammen, je nachdem, wer gerade da war. Hier ist jedenfalls ganz schön was zusammen gekommen", blickt Telge, heute Betreiber einer Musikschule, auf ein Jahr Vorbereitung zurück.

Mit etwa 30 Freunden seiner Zunft setzte der Staßfurter eine Idee von Torsten Sielmon um. Der Bernburger hatte den Anstoß zu ähnlichen Ausstellungen bereits in Bernburg und Schönebeck gegeben. "Dort war die Resonanz auch riesig. 2009 kamen in Bernburg 2500 Besucher, 2011 dann in Schönebeck 1300", so Sielmon. Immer unter Beachtung der Authentizität der jeweiligen Szene. 2016 sei eine entsprechende Salzlandschau mit einzelnen "Schmankerln" der Regionen in Schönebeck geplant, kündigt er an.

Die Staßfurter Musikszene lebt

Dass die Staßfurter Live-Musikszene lebt, dafür gaben die "Roots" am Nachmittag einen Beweis. Wie sie sind zahlreiche Bands im Verein Aktiver Musiker, der einige Proberäume im ehemaligen Staßfurter Schlachthofkeller hat, organisiert. Und nicht zuletzt gibt es Nachwuchstalente wie Katharina Kaufmann, die immer wieder Ausstellungseröffnungen im Museumskeller begleiten. Die Sängerin übernahm übrigens zusammen mit den Mitgliedern der jungen Band "Take Off" beim Konzert zum 50. Geburtstag der einstigen FSGW-Combo vor drei Jahren auch den symbolischen Staffelstab der "alten" Staßfurter Musikergenerationen.