Als die Calbenserin Elke Tschirpig am Montag mit ihren Enkeln spazieren gehen will, schlägt ihr vor der Wohnungstür Rauch entgegen. Die Familie musste über die Drehleiter der Feuerwehr gerettet werden. 16 Brände haben die Kameraden seit Anfang des Jahres bekämpft. In Calbe machen sich Angst - und Wut - breit.

Calbe l Der Calbenser Wehrleiter Uwe Wirth spricht von einer neuen Qualität: "Es wird ganz bewusst vorgegangen, Menschenleben werden dabei riskiert." Am Montagnachmittag brannte es im Keller des Mehrfamilienhauses in der Barbyer Straße 54. 16 Feuer in drei Monaten. Die Polizei geht fast immer von Brandstiftung aus. Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Calbe sind "ständig in Wartehaltung", sagt Wirth. Bisher haben sie die Einsätze im Alleingang geschafft, die Kameraden der Feuerwehr im Ortsteil Schwarz helfen. "Sollten die Calbenser Kameraden in größeren Fällen noch Unterstützung von außerorts brauchen, können sie die ohne Probleme anfordern", versichert Kreisbrandmeister Hans-Ulrich Robitzsch. In den vergangenen Wochen mussten die Kameraden vor allem in den Nachtstunden ausrücken.

Jetzt brennt es auch tagsüber. Gegen 14 Uhr will Elke Tschirpig am Montag ihre Dachgeschosswohnung in der Barbyer Straße mit ihren Enkeln verlassen. Die Kinder sind vier Monate, fünf und zehn Jahre alt. Beim Öffnen der Wohnungstür kommt ihnen nur Qualm entgegen. Das Treppenhaus ist voll mit schwarzem Rauch. "Wir sind schnell ins hinterste Zimmer gerannt und haben feuchte Decken vor die Tür gelegt", sagt Elke Tschirpig.

Kaum hat sie den Notruf verständigt, seien die Feuerwehrleute auch schon da gewesen. "Wir sind dankbar, dass uns so schnell und umsichtig geholfen wurde." Mit einer Drehleiter musste die Familie aus der obersten Etage evakuiert werden. Erst waren die Kinder dran, dann Elke Tschirpig mit zwei Hunden. Es war der erste Brand dieser Reihe, bei dem Bewohner mit der Leiter evakuiert werden mussten.

"Bisher hatten wir das Glück, dass sich die Bewohner auf ihren Balkonen auf der rauchabgewandten Seite aufhalten konnten", erklärt Uwe Wirth. Gerade für ältere Bewohner könnte sich der Ausstieg vom Fenster in den Korb einer Drehleiter schwierig gestalten, erklärt Kreisbrandmeister Hans-Ulrich Robitzsch. Die Kameraden halten in solchen Situationen den ständigen Kontakt mit den Betroffenen - auch um die Angst zu nehmen.

Angst spielt derzeit bei Familie Exner eine große Rolle. Sie leben im Nachbarhaus. In regelmäßigen Abständen beziehen sie Stellung am Fenster. "Natürlich macht man sich Sorgen, dass es in unserem Haus auch bald brennen kann."

Um weitere Brände zu vermeiden, ist die Polizei stetig auf Calbes Straßen im Einsatz. "Wir haben uns der neuen Situation angepasst, dass es jetzt auch tagsüber zu Bränden kommt und alles zur Verfügung stehende Personal ist unterwegs", erklärt Polizeisprecher Marco Kopitz.

Die wenigen Einsatzkräfte der Calbenser Polizeistation werden derzeit durch Bernburger Beamte unterstützt. Ob es sich immer um die selben Täter bei den Brandstiftungen handelt, kann Kopitz noch nicht sagen. "Die Auswertung der Brandbeschleuniger steht noch aus." Wehrleiter Uwe Wirth zu den Ermittlungen: "Wir stimmen uns mit der Polizei ab und versuchen auch selbst zu analysieren, in so einer Situation kann es sich auch immer um Trittbrettfahrer handeln."

Heinz Dittrich wohnt in der Altstadt von Calbe und ist oft mit dem Fahrrad unterwegs. "Das ist ein ganz erschreckendes Bild, überall abgebrannte Autos und Lauben." Doch die Polizei habe nur eine Chance, die Täter zu fassen, wenn sie verdeckt und in zivil ermittele. Dem widerspricht der Sprecher des Polizeireviers Salzlandkreis Marco Kopitz nicht.

Nur mit einem großen Aufwand an Einsatzkräften kann die Stadt abgesichert werden. Gebe es einen Tatverdächtigen, dann müsste er 24 Stunden am Tag observiert werden - dafür braucht es einen richterlichen Beschluss und Personal. Die Alternative: Kameras installieren. Doch dafür muss ein Schema zu erkennen und Tatorte genau einzugrenzen sein. Das wird schwer - mal brennt es in der Neuen Wohnstadt und mal am Bahnhof West.

Der Calbenser Lothar Wrede kümmert sich derzeit um die Rasenflächen auf den Höfen an der Barbyer Straße. Was ihn ärgert: "Die Bewohner lassen oftmals die Haustüren offen stehen." Die Täter seien unberechenbar und bereit, Menschen in Lebensgefahr zu bringen. Welcher Gedanke Wrede noch Angst macht: "Wenn man morgens zu seinem Auto will und es steht abgefackelt am Straßenrand, das muss furchtbar sein." Zwei Lkw und zwei Pkw waren bereits betroffen. "Unbedingt die Augen offen halten und auf fremde Personen achten", bittet Robitzsch. Die Polizei ist auf jeden Hinweis angewiesen. Diesen Hinweis nimmt sich Annelies Heinrich zu Herzen. Sie lebt in der Neuen Wohnstadt. "Bei uns im Haus wird streng darauf geachtet, dass die Haustüren verschlossen sind", sagt die Rentnerin und hofft, dass die Brände bald ein Ende haben.

Hinweise unter Telefon (0 39 28) 46 61 95.