Rückblick: Nach einem langen, schneereichen und kalten Winter, der bis in den April hinein ging, gab es einen heißen Juli und ab August wurden die Arbeiten auf den Feldern von ständigen Niederschlägen begleitet, ehe es Ende November zu einem kräftigen Wintereinbruch kam. Doch was bedeuten diese Wetterkapriolen für die Bauern in unserer Region? Der Geschäftsführer des Bauernverbandes "Börde" e. V., Wolfgang Köhler, ließ das Agrar-Jahr 2010 noch einmal Revue passieren.

Staßfurt. Das Konjunkturbarometer Agrar bewegt sich aufwärts, dennoch besteht kein Grund zur Euphorie, dazu sind global betrachtet die finanzwirtschaftlichen Risiken durch eine laxe Geldpolitik der Notenbanken und durch Währungsschwankungen zu groß.

Die Agrarwirtschaft hat gute Zukunftsaussichten, denn international wächst die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und nachwachsenden Rohstoffen. Die Landwirte tun dennoch weiter gut daran, ihre Investitionen auf eine solide Basis zu stellen und soweit wie möglich Rücklagen für wirtschaftlich schwierige Zeiten zu bilden. Aus diesem Grund wird der Bauernverband weiter unbeirrbar für eine steuerliche Rücklage kämpfen.

Die Meteorologen und Klimaforscher verkünden unentwegt, dass 2010 das wärmste Jahr seit der Aufzeichnung von Wetterdaten war. Wir Landwirte haben rein subjektiv eine andere Wahrnehmung. Nach einem sehr langen, schneereichen und kalten Winter bis in den April hinein gab es einen sehr heißen Juli. Ab August wurden die Arbeiten auf den Feldern von ständigen Niederschlägen begleitet und bereits Ende November kam noch ein kräftiger Wintereinbruch dazu. Die meisten Arbeiten wurden geschafft, aber die Zuckerrübenabfuhr dauerte noch bis Mitte Januar.

Die anhaltenden Niederschläge haben im Landkreis die Herbstarbeiten sehr erschwert und bereits bestellte Winterkulturen sind zum Teil durch stauende Nässe stark geschädigt. Dieses Jahr hat uns gezeigt, dass die Gewässerunterhaltung besonders der Ohre und Bode, wofür das Land zuständig ist, kaum funktioniert. Hier muss es dringend eine Änderung geben.

2010 war für Landwirte kein schlechtes Jahr

Für die Landwirte in der Verbandsregion war das Jahr 2010 ertragsseitig kein schlechtes Jahr, allerdings konnten vielerorts die geforderten Qualitäten auf Grund der Witterung nicht eingehalten werden und die Preissprünge an den Märkten gestalten die Vermarktung schwierig. Deshalb müssen die Diskussionen über Vertragsgestaltungen vom Verband jetzt begleitet werden, was auch für die Tierproduktion zutrifft.

In diesem Jahr fanden bereits drei Milchkonferenzen in Colbitz zur Milchvermarktung nach dem Quotenende statt. Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die zukünftige Gestaltung der Lieferbeziehungen. Die Milchpreise haben sich 2010 von ihren Tiefständen im Jahr 2009 erholt. Infolge der ständig steigenden globalen Nachfrage nach Fleisch wird deren Erzeugung weiter dynamisch wachsen. Trotz prognostizierten positiven Marktentwicklungen werden ständig steigende Produktionskosten die wirtschaftlichen Ergebnisse der Landwirtschaftsbetriebe beeinflussen.

In der gesamten Tierhaltung wird auch der Druck von Tierschützern und Bürgerbewegungen auf die Landwirte immer stärker. Eine Erhöhung der Wertschöpfung über die Tierhaltung ist gerade in unserem Landkreis notwendig. Zur Vermeidung von Konflikten müssen Investoren frühzeitig Auskunft geben und vor allem offensiv und transparent auf regionale Interessen eingehen. Gerade beim Schweinefleisch werden 99 Prozent des Marktes aus konventioneller Produktion bestritten, auch weil der Verbraucher billig und gut einkaufen möchte. Verfolgt man die Berichterstattungen in den Medien, kommt man zu einem völlig anderen Eindruck, obwohl die Landwirte tagtäglich in hoher Verantwortung gegenüber Tieren und Umwelt ihre Arbeit verrichten.

Unmut der Landwirte wächst weiter

Der Unmut der Landwirte im Bördekreis über den ungebrochen hohen täglichen Flächenverbrauch durch Siedlungs- und ökologische Ausgleichsmaßnahmen wächst weiter. Sie sind nicht länger bereit, ihre Flächen als Reservoir für andere Flächennutzungen zur Verfügung zu stellen. Deshalb begrüßt der Bauernverband das geplante Maßnahmeprogramm der Landesregierung zur Reduzierung des Verlustes von landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Diese Neuausrichtung sollte auch konsequent im neuen Landesentwicklungsplan umgesetzt werden. Vor allem die "Bodenveräußerungspolitik" der BVVG gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen und Kritik. Neben den Beschränkungen der Direktverkäufe sind es vor allem die von der BVVG geforderten Preise, die auf schärfste Kritik des Berufsstandes stoßen.

Betriebswirtschaftlich sind die gegenwärtigen Boden- und Pachtpreise nicht darstellbar. Deshalb lehnt der Bauernverband die gegenwärtige Privatisierungspraxis der BVVG ab und fordert eine schnelle Änderung der Privatisierungspolitik im Interesse der ortsansässigen Landwirte.

Mit der politischen Debatte um die EU-Agrarpolitik nach 2013 werden die Weichen für die Entwicklung der Landwirtschaft im nächsten Jahrzehnt gestellt. Die Vorschläge von Agrarkommissar Dr. Ciolos zur Gestaltung der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) bis 2020 tragen sehr starke Elemente der politischen Rechtfertigung für die EU-Zahlungen.

Umweltmaßnahmen auf jedem dritten Hektar

So möchte die Kommission noch stärker einen Nachweis über eine "Begrünung" der Direktzahlungen, obwohl schon jetzt in Deutschland jeder dritte Hektar an Agrarumweltmaßnahmen teilnimmt. Niedrige Lebensmittelpreise und höchste Standards bei Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz sind nach Ansicht der EU-Kommission nicht ausreichend für eine nachhaltige Begründung der Direktzahlungen. Auch von einer "Deckelung" der Zahlung nach Betriebsgrößen ist wieder die Rede.

Bis zum Sommer wird es jetzt eine intensive Diskussion zur Ausgestaltung der GAP 2020 geben. Nur ein starker Bauernverband ist der beste Garant, um die Forderungen des landwirtschaftlichen Berufsstandes in den Diskussionsprozess einzubringen und durchzusetzen.