Ein kleines Mädchen weint vor Freude, der Vater ist perplex und die Veranstalter grinsen breit. Die Gewinnerin des Ferkelschätzens beim Athenslebener Dorffest hat ihren Eltern ganz schön was eingebrockt. Sie haben nämlich überhaupt keinen Schweinestall.

Athensleben l Luisa Südow (Kirchner) (9) zappelt vor Aufregung an der Absperrung im Festzelt. "Ich will unbedingt das Schwein gewinnen", sagt sie zu ihrer Freundin. Schon vorher waren die jungen Mädchen um die kleine Kiste mit der grunzenden Sau herumgeschlichen, haben sie gestreichelt und fanden es ganz niedlich, wie sie quiekte.

Lass das Kind nur tippen! Dass es gewinnt, ist unwahrscheinlich, dachten sich die Eltern. Außerdem hatten ja noch 47 andere Besucher des Dorffests mitgetippt und versucht, das Gewicht des Ferkels zu schätzen.

Aber Luisas Mutter hatte wohl doch ein komisches Gefühl bei der Sache. Die Familie könnte ja gar kein Schwein halten. Also sagte die Mutter ihrer Tochter, sie solle doch auf 55 Kilogramm tippen. So viel wiegt die Sau bestimmt!

"55 Kilogramm? Das ist doch viel zu viel für so ein kleines Ferkel", sagt Luisa. Sie hat dann genau die Hälfte genommen. "Ich habe einfach 27,5 Kilogramm gesagt und das getippt", erzählt das Mädchen.

Als Ortsbürgermeister Jürgen Kinzel, Jens Stephan und Kai Lutterloh von der Interessengemeinschaft Athensleben, die das Dorffest wie jedes Jahr organisiert, zum Wiegen des Schweins kamen, waren alle gespannt. Auch die Veranstalter wussten nicht, wie viel die Sau wiegt. "27,5 Kilogramm", ruft Jürgen Kinzel aus. Luisa ist außer sich. "Ich, ich", schreit sie und gibt dem Ortsbürgermeister ihren Tippschein. Aber auch der Junge neben ihr hatte genau 27,5 Kilogramm getippt.

"Wer den Kürzeren zieht, verliert, ja?", sagt Jens Stephan zu den Kindern. Es muss ein Stechen um das Ferkel geben.

Und tatsächlich zieht Luisa das längere Streichholz. Die Kleine fängt vor Freude an zu weinen. In dem Moment stolziert Vater Georg Kirchner ganz lässig ins Festzelt. Er wollte nur mal schauen, wo die Tochter steckt. "Papa, Papa, ich hab das Schwein gewonnen", kreischt Luisa. "Das darf doch nicht wahr sein", sagt er und steht ratlos da. "Oh Papa, ich habe ein neues Haustier", jubelt Luisa. "Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich muss mich erst einmal sammeln", sagt Georg Kirchner der Volksstimme. "Wir hatten vor Jahren mal einen Schweinestall. Aber jetzt nicht mehr. Ich weiß gar nicht, wo ich das Tier unterbringen soll." Luisa besteht darauf: Sie will das Schwein behalten.

Ihr Vater fragt Jens Stephan und Jürgen Kinzel, ob das wirklich sein kann. "Was mache ich denn jetzt mit der Sau?" Kinzel und Co. heben die Hände hoch, zucken mit den Schultern und müssen kichern. "Wir sind raus. Das ist jetzt deine Sau. Du musst sie mitnehmen", sagt Jürgen Kinzel.

Das Ferkelschätzen hat beim Dorffest seit Beginn der 1990er Tradition. Bisher konnten alle Gewinner ihre Ferkel unterbringen. Probleme gab es nur einmal, als ein Staßfurter mit einer Stadtwohnung gewonnen hatte. Der rief zuhause an und musste sich von seiner Verwandtschaft ein Donnerwetter anhören. "Da haben wir die Sau spontan versteigert", erklärt Jürgen Kinzel. Aber die meisten, die hier mittippen, haben ja sowieso einen Hof, erzählt er. Auch Georg Kirchner wird jetzt um einen neuen Schweinestall nicht herumkommen.

   

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