Morgen feiern die evangelischen Christen den Gedenktag an die Reformation der Kirche durch Martin Luther. Volksstimme-Mitarbeiterin Nora Menzel sprach dazu mit Pfarrer i.E. Kornelius Werner aus Hecklingen.

Volksstimme: Was war für Luther Kern der Reformationsbewegung?

Kornelius Werner: Luther war in der Zeit um 1517, als die berühmten 95 Thesen veröffentlicht wurden, von der Frage getrieben: "Wie finde ich Gnade bei Gott?" Das war zu der Zeit nichts besonderes - ob und wie ich zur Vergebung meiner Sünden gelange, war eine Frage, die damals dem Zeitgeist entsprach und nicht nur theologischer Fachsimpelei. Als Leute wie Johann Tetzel Geld für den Bau des Petersdoms in Rom sammelten und damit die Vergebung von Sünden per Ablassbrief bescheinigten, war Luther soweit zu sagen: Ob mir bei Gott Sünden vergeben werden und meine Seele in den Himmel kommt, hängt von keinerlei äußerlichem Tun ab, geschweige denn vom Bezahlen eines Ablassbriefes. Sondern das Heil meiner Seele steht und fällt mit meinem persönlichen Glauben. Ob ich ein guter oder schlechter Mensch bin, das weiß ich allenfalls nur vor meinem Gewissen und vor Gott. Kein anderer Mensch kann das beurteilen und kein anderer Mensch kann das bewirken.

Welche Bedeutung kommt dem Thesenanschlag 1517 aus heutiger Sicht zu?

Luther hat mit seiner Betonung des persönlichen Glaubens die Weichen dafür gestellt, das jeder Mensch als ein Individuum angesehen wird. Diese Erkenntnis setzte sich dann später in der Zeit der Aufklärung bis heute ja stärker durch.

"Luther hat mit seiner Betonung des persönlichen Glaubens die Weichen gestellt, das jeder Mensch als ein Individuum angesehen wird."

Die Reformation war insofern der Ursprung dieser Entwicklung, als Luther eben klar gemacht hat, dass sich der Glaube und das persönliche Gewissen eines jeden Menschen nicht pauschal be(oder ver-)urteilen lassen, sondern immer nur Gott Rechenschaft schuldig sind. Das ist Individualität! Und noch etwas hinterlässt die Reformation unserer Evangelischen Kirche bis heute: Die Kirche ist sich selbst gegenüber kritisch. Wenn wir zum Beispiel Gottesdienst feiern, dann bitten wir Gott darum, dass er bei allen ist, die sich gerade in der Kirche versammeln. Gott ist nicht da, weil wir oder ein Pfarrer oder wer auch immer das "macht". Sondern die Kirche ist nur dazu da, um einen Ort zur Verfügung zu stellen, wo sich Menschen unter Gottes Namen versammeln können und sich Zeit nehmen, über ihren Glauben nachzudenken und zu Gott zu beten.

Wann und wo findet für die Hecklinger Gemeinde der Gottesdienst zum Reformationstag statt?

Am Reformationstag findet hier in der Region schon seit Jahren ein Gottesdienst im Warmsdorfer Park statt. Dort steht ja die alte Georgskapelle - Fürst Georg von Anhalt hatte viel für die Reformation in Anhalt getan. Um 10 Uhr geht es los und wir feiern einen gemeinsamen Gottesdienst für alle Gemeinden der Pfarrbereiche Güsten und Hecklingen. Der Kirchenchor und der Posaunenchor aus Leopoldshall sind mit dabei, Pfarrer Tesdorff (Güsten) hält in diesem Jahr die Predigt und Pfarrer Werner (Hecklingen) die Liturgie des Gottesdienstes.

Und, eine Frage am Rande: Reformation und Halloween? Zufällig trifft der irische Brauch auf den kirchlichen Feiertag: Wie stehen Sie dazu?

Mancherorts hat es mittlerweile den Anschein, Halloween ist der Grund für den Feiertag. Ob Halloween eventuell auch zum Teil aus christlichen Traditionen und Riten entstanden ist, weiß man nicht genau.

"Ich persönlich habe kein Problem mit Halloween, solange dort nicht ernsthaft Totengeister beschworen werden."

Aber mit Luthers Veröffentlichung der 95 Thesen hat es nichts zu tun. Ich persönlich habe kein Problem mit Halloween, solange dort nicht ernsthaft Totengeister beschworen werden, sondern das einfach ein großer Spaß ist. Aber die Reformation lohnt sich auch zu feiern. Sie hat Epoche gemacht, bis heute!