Grund zur Sorge um ihren Bestand hat die Grundschule Güsten mit gegenwärtig 124 Kindern überhaupt nicht. Dennoch sieht sie Erklärungsbedarf zur Schuleingangsphase. Den hatten zuletzt Stadträte signalisiert, nachdem einige Eltern nicht die Grundschule der Stadt für ihre Kinder gewählt hatten. Und auch, weil nur wenige Grundschüler von der Freien Sekundarschule aufgenommen wurden.

Güsten l Keine klassischen Klassenverbände wie einst, sondern Lerngruppen, die Igel, Giraffen, Raben... heißen. Noten gibt`s teilweise erst im zweiten Schuljahr, dafür werden die jüngsten Schüler mit Marienkäfern, Sonnen oder dergleichen für gute Leistungen belohnt. Diese Methoden ziehen noch immer Skepsis auf sich, obwohl sie schon gut zehn Jahre angewandt werden.

"Wir müssen uns vom Gedanken der ,Sitzenbleiber` verabschieden."

Die Gesamtkonferenz der Grundschule Güsten vergangene Woche wurde zum Anlass genommen, um deutlich zu machen, wie die Schule das Gesetz zur Schuleingangsphase umsetzt. "Das ist für alle Grundschulen Gesetz, kann aber flexibel angewandt werden", erklärt Manuela Deutschel. Die stellvertretende Schulleiterin ist Verfechterin der Schuleingangsphase (SEP). Mit SEP haben Grundschüler ein bis drei Jahre Zeit, um zwei Schuljahrgänge zu bewältigen. "Wir haben nur gute Erfahrungen mit diesem System gemacht", so Manuela Deutschel. "Wir müssen uns vom Gedanken der ,Sitzenbleiber` verabschieden. Wenn ein Kind noch nicht so weit ist, wie ein anderes, dann fängt es auch nie bei Null wieder an. Das machen nur die Einschüler." Was vielleicht bislang nicht so deutlich geworden ist: Die Einschüler werden in Mathe oder anderen Fächern separat unterrichtet, bevor die Lerngruppe wieder zusammenkommt.

Und dann greifen nach Meinung von Manuela Deutschel die Vorteile des Jahrgangs-übergreifenden Unterrichts: Die Kleinen lernen von den Großen. Die Großen helfen den Kleinen. Die Kinder sind einmal die Kleinen und dann die Großen in ihrer Gruppe. Es sei einfach auch ein gutes Gefühl, für andere da sein zu können.

Die Lehrer würden zudem individueller auf die Kinder eingehen können.

"SEP ist keine Erfindung der Grundschule Güsten, sondern Gesetz."

Es komme nicht nur vor, dass manchmal mehr Zeit benötigt wird auf dem Weg zur 3. Klasse. Es gibt auch Ausnahmen, wo ein Kind von der 1. Klassenstufe gleich in die 3. vorrückt. Die Entwicklungen werden zwei Mal jährlich mit den Eltern gemeinsam besprochen, erklärt Manuela Deutschel. Zum Abschluss des vergangenen Schuljahres, als das Landesverwaltungsamt die Grundschule Güsten bei einer Prüfung mit der Note 1,6 bewertete, habe die Grundschule elf von 27 Kindern zum Gymnasium verabschieden können. "Das ist eine sehr gute Quote."

Die Eltern seien übrigens schon über ein Jahr vor der Einschulung ihrer Kinder in die "Diagnostik zur Lernausgangslage" einbezogen. Dabei gehe es um personale und soziale Kompetenz, sprachliche Kompetenz, Groß- und Feinmotorik, Wahrnehmungsbereiche, Hörverstehen und Arbeitsverhalten. Eltern würden zudem Auskunft über eventuelle Bereiche geben, die von der Schule intensiver zu beobachten sind, weil eventuell eine besondere Begabung oder Unterstützungsbedarf vorliegen könnten. Die Zusammenarbeit mit den Kindertagesstätten im Schuleinzugsbereich sei beispielhaft. Gegenseitige Besuche gehören dazu. Auch Elternabende und -stammtische gehören zur Praxis.

Manuela Deutschel fasst zusammen: "SEP ist keine Erfindung der Grundschule Güsten, sondern seit 2005 Gesetz in Sachsen-Anhalt. Jede Schule hat aber die Möglichkeit, diese entsprechend umzusetzen. Die Unterrichtsgestaltung trägt der Entwicklungsspanne unter den Kindern Rechnung. Dabei erhalten betreffende Kinder eben auch die Möglichkeit, länger als zwei Jahre zu verweilen, ohne das Erlebnis des Scheiterns zu erfahren."

Und was den Wechsel innerhalb einer Grundschule innerhalb einer Verbandsgemeinde betreffe, sei das legitim, da keine Einschulungsbezirke festgelegt sind.

"Zahlreich besuchte Fort- und Weiterbildungen helfen, die Arbeit stetig weiter zu entwickeln", richtet Manuela Deutschel, die sich seit 1999 bereits mit der SEP beschäftigt und seit 2000 in der Erprobungsphase erste Erfahrungen sammelte, den Blick auf ihre Kollegen und sich. "Kein Schuljahr ist gleich, jeder Tag erfordert neue Ansätze und ist eine Herausforderung. Als Teamleiterin gebe ich meine Erfahrungen und neuen Erkenntnisse aus Weiterbildungen an meine Kolleginnen gern weiter. Bis heute finde ich es immer wieder spannend, die Entwicklung von Schülern zu begleiten."

Und immer seien auch Eltern willkommen, die sich für schulische Projekte, zum Beispiel als "Lese-Mutti", zur Verfügung stellen.