Calbe ist eine von vielen Städten in der Region, die massiv unter den gegenwärtigen Problemen zu leiden haben : Finanzknappheit und Überschuldung, Leerstand und demografische Entwicklung. Dabei hat gerade die Saalestadt ein beachtliches Potenzial, und das seit Jahrhunderten. Das will der Historiker Dieter Horst Steinmetz den heutigen Bewohnern vor Augen führen. Er hat eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Stadt geschrieben, die in den nächsten Tagen erscheint. Die erste seit 106 Jahren.

Calbe. An illustren, mächtigen und faszinierenden Persönlichkeiten mangelte es der Saalestadt im Laufe ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte nicht. Ob Otto I. und seine seit dem vergangenen Jahr wieder hochprominente Gemahlin Editha, ob später die Magdeburger Erzbischöfe, darunter Wichmann Graf von Seeburg, dessen Grab gerade im Magdburger Dom entdeckt wurde, ob die schöne Anna Margareta von Haugwitz, die – eine Märchengeschichte aus der Zeit des 30-jährigen Krieges – den schwedischen Feldmarschall Carl Gustav Wrangel heiratete, die mit ihrem Mann gemeinsam sozial engagierte Marie Nathusius ( geborene Scheele ), der Arzt und Demokrat Wilhelm Loewe und weitere – sie alle sind in der Saalestadt geboren oder der alten Handelsund Rolandstadt verbunden. Da gibt es also vieles zu berichten.

Der in Calbe ansässige Historiker und Germanist Dieter Horst Steinmetz hat sich bereits seit Jahren um die Zusammenstellung vorhandenen Materials und die Erschließung neuer Quellen verdient gemacht. Deshalb ist Calbe detailreich und bundesweit einzigartig im Internet bestens dargestellt. Jetzt bringt Steinmetz, der selbst nicht in Calbe, sondern in Zwickau geboren und im Erzgebirge aufgewachsen ist, ein Buch heraus, das einen Gesamt-überblick wagt : " Vom Königshof caluo 936 bis zur Kreisstadt 1919 " heißt es. Untertitel : Geschichte einer mitteldeutschen Stadt von den Anfängen bis zur Gründung der Weimarer Republik.

Sehr genau hat Steinmetz recherchiert und gesichtet. Seit 1963 lebt er in der Saalestadt. 60 von 383 Seiten nehmen die Anmerkungen im Anhang ein. Und doch ist alles sehr verständlich und unterhaltsam geschrieben, dazu kommen mehr als 166 Abbildungen aus dem Archiv des Calbenser Heimatfreundes Joachim Zähle.

1904 sei die letzte Monografie über die Saalestadt erschienen, erklärt Steinmetz einen Teil seiner Motivation. Dass er seinen Vorgängern, Gustav Hertel, Johann Heinrich Hävecker, dem Chronisten Adolf Reccius vieles verdankt, schreibt er in seinem Vorwort. Wichtig ist es ihm auch, zwei Zeitgenossen zu erwähnen, die sich seit vielen Jahren um die Heimatgeschichte verdient gemacht haben : Hanns Schwachenwalde und Klaus Herrfurth. Gerade letzterer habe ihm " uneigennützig " sehr viel von seinem Material überlassen, ist Steinmetz dankbar.

Mehr als anderthalb Jahre hat er selbst an seiner Veröffentlichung

gearbeitet. Dabei ist seine Betrachtungsweise nie rückwärts gewandt. " Calbe ist eine Stadt mit einer so großartigen Geschichte ", sagt Steinmetz, " mir ist es wichtig, dass die Menschen heute wissen, dass es sich hier um keine Null-acht-fünfzehn-Stadt handelt. " Nachdenklich fügt er hinzu : " Es ist mir schon ein Anliegen, den Menschen vielleicht durch den Blick auf das, was alles war, ein Stückweit Mut zu machen. "

Die Geschichte der Siedlung am Saalebogen beginnt mit der Wunderburg in der Jungsteinzeit, es folgt der Burgward Karls des Großen im 9. Jahrhundert, Calbe ist eine Stadt an der Heerstraße zwischen Magdeburg und Halle, dann ein paar hundert Meter weiter der Königshof Ottos. Sein Nachfolgerbau ist heute die prominenteste Ruine : Das ehemalige Rittergut, Keimzelle der Stadt, Geburtsort der schönen Anna Margareta von Haugwitz, verrottet seit vielen Jahren. Im Stadtbild sind weitere Spuren der Geschichte unterschiedlich gut erhalten : stolze HandelsundHändlerhäuser, Bürgervillen, Tuchfabriken, Seifen- und Gurkenfabrik etc. Das Schloss allerdings, das die Magdeburger Erzbischöfe unmittelbar an der Saale bauen ließen, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen. Jetzt befindet sich auf dem Gelände das Gymnasium.

Bei der Vielzahl der Themen und der Epochen : Was bewegt Dieter Horst Steinmetz selbst nach seiner Beschäftigung mit der Geschichte von Calbe ? Nach einer Pause : " Wie die Menschen hier in Calbe sich immer wieder aufgerichtet haben nach schweren Katastrophen, als zum Beispiel Heinrich der Löwe Calbe dreimal in Schutt und Asche gelegt hat, oder nach dem 30-jährigen Krieg. " Ob und wie es die Stadt aus der gegenwärtigen Krise heraus schafft ? Diese Frage werden erst künftige Geschichtswissenschaftler beantworten. Den eigentlichen Nackenschlag hat nach Steinmetz ‘ Auffassung Calbe bereits nach dem Ersten Weltkrieg erlitten. Auch wenn es zu DDRZeiten mit dem Eisenwerk noch einmal eine Wachstums- und Blütephase gegeben habe.

Und doch : Man müsse wissen, wer man sei, sagt Steinmetz. Wenn zum Beispiel Elftklässler nach einem Rundgang durch die Heimatstube staunen : " Das alles gab es in Calbe " – dann hat Steinmetz etwas von dem erreicht, was ihm am Herzen liegt. Das Buch ist in der Heimatstube Calbe ab Montag erhältlich. Für den 17. April ist eine Buchvorstellung geplant.