Vor 20 Jahren spielten sich in Plötzky Dinge ab, bei denen zum ersten Mal demokratische Spielregeln geprobt wurden. Die Bürger kämpften um den Erhalt ihrer Klosterberge, die nach staatlicher Anweisung abgebaut werden sollten. Heute ist man sich einig : Wäre die Wende ein Jahr später gekommen, hätte ein Tagebau-Moloch ein Stück idyllischer Natur verschluckt.

Plötzky. "… stundelang tobt der Krieg’ in der Plötzkyer Gaststätte Kieferneck. Einwohner der Gemeinde gegen Rat des Bezirkes und Forstwirtschaft, Ökologie gegen Ökonomie. Aber wird es am Ende des Schlachtgetümmels einen strahlenden Sieger geben ?" So begann ein Beitrag mit dem etwas reißerischen Titel " Skandal in Plötzky " vom 17. Januar 1990 in der " Volksstimme ". Der Stil des Journalisten verrät Befreiung auf allen Ebenen, die im Wachsen begriffen war. Was man vorallem an der Überschrift bemerkte.

Januar 1990. Honecker ist weg, die Grenzen offen, der Termin für die erste freie Wahl im März bekannt. Aufbruchsstimmung im Land, in den Köpfen.

Der " Skandal in Plötzky " beleuchtet das Vorhaben des Rates des Bezirkes, die Klosterberge weg zu baggern, damit " 23 Gießereien in der Republik " mit feinem Formsand versorgt werden können. Auch das Heizkesselwerk Schönebeck zählt dazu.

Das Vorhaben ist einige Jahre alt. Es ist seit Jahrzehnten Usus, im Raum Plötzky / Pretzien Steine und Sand abzubauen, ohne nach ökologischen Konsequenzen zu fragen.

Bereits im April 1989 wird in einer ADN-Meldung der beginnende Abbau bei Plötzky verkündet. Wer zwischen den Zeilen liest – und das konnten die DDR-Bürger ja bestens – wird feststellen, dass im Vorfeld nicht das " Ob ", sondern gegebenenfalls das " Wie " diskutiert wurde. Zitat : " Im Interesse der Einwohner und Touristen … wird die Abbaustelle zum Lärmschutz von einem Waldschutzstreifen umfasst. Die Abbauzeiten werden in der Urlaubssaison auf wenige Wochentage beschränkt. "

Dem war das Veto des Gemeinderates vorausgegangen. Volksvertreter und Bürgermeister wollten den letzten von einstmals 14 Sandbergen nicht preisgeben. Die stolzen Klosterberge, auf denen heute noch ein Feuerwachturm steht, wo idyllische Waldwege Spaziergänger einladen.

Doch die Gemeinde hatte keine Chancen gegen die ökonomischen Ansprüche des Staates. Auch Oberförster Heinz Schmäche, Kreisbeauftragter für Naturschutz, kämpfte seit 1984 allein auf weiter Flur gegen Einschnitte im Landschaftsschutz. Sein Amtskollege, Revierförster Jens Dedow, begehrte ebenfalls gegen das Vorhaben auf. Dessen Arbeitgeber, der Forstwirtschaftsbetrieb Zerbst / Nedlitz, bedrohte ihn mit Kündigung, wenn er nicht den Sandabbau akzeptieren würde.

Erst mit der Wende und dem allmählich beginnenden aufrechten Gang wurde es möglich, sich Gehör zu verschaffen. Die Rodung von sieben Hektar Kiefernwald war bereits abgeschlossen. Der begehrte Quarzsand leuchtete einer Wunde gleich in der Sonne.

Betonplatten zur Befestigung der Zufahrtswege am Ortsausgang nach Pretzien lagen schon bereit, damit schwere Lkw in die Sandgrube fahren können. Als die Arbeiten beginnen sollten, trauten die Bauleute ihren Augen kaum. 21 Plötzkyer Frauen und Kinder blockierten die Zufahrt. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Und noch was : Von einem Tag zum anderen veränderten die grauen Betonplatten ihr Aussehen. Grundschullehrerin Annedore Franke hatte mit ihren Kindern die Platten grün bemalt und mahnende Sprüche angebracht. Plötzky lag schon damals im Landschaftsschutzgebiet. Der Rat des Bezirkes wies im Dezember 1988 an, die Klosterberge aus diesem Gebiet zu streichen, obwohl sich das Mitglied des Rates für Umweltschutz dagegen gewehrt hatte. In einem Leserbrief an die " Volksstimme " schreibt die Schönebeckerin Elke Lindemann : " Zu diesem Zeitpunkt war … bekannt, dass es noch andere Sandvorkommen gibt, deren erforderliche Aufschlussarbeiten jedoch wesentlich höher wären als es in Plötzky der Fall ist. " Also ein klarer Fall von " ökonomischem Weg des geringsten Widerstandes ".

Von staatlicher Seite argumentierte man, dass ohne den Plötzkyer Sand 23 Gießerein lahm gelegt, von denen 176 Betriebe abhängig seien, die dann schließen müssten, was wiederum Auswirkungen auf den Maschinenbau hätte, deren Tragweite nicht abzuschätzen sei … Was ein bisschen suggerieren sollte, als bräche die Wirtschaft der DDR ohne den Klosterberge-Sand zusammen.

Im Januar 1990 bildete sich schließlich eine Bürgerinitiative in Plötzky, bei der Pfarrer Rüdiger Meussling und dessen Frau Maria federführend waren.

Der " Bürgerkreis " beauftragte schließlich einen Anwalt, der einen Prozess gegen den Rat des Bezirkes führte. Was er übrigens kostenlos tat. Eine Aufgabe der Initiative war es, zu beweisen, dass auch anderen Orts geeigneter Sand abgebaut werden konnte. Was auch Oberförster Schmäche nachwies.

Die Aktion um den Erhalt der Klosterberge wurde aber auch mit Unbehagen gesehen. In einem anonymen Brief schrieben Mitarbeiter des Schönebecker Heizkesselwerkes zynisch : " Wozu brauchen wir denn noch Heizkessel ? Der Sonnenschein aus dem goldenen Westen erwärmt uns doch mehr wie ausreichend. " Erste Angst um Arbeitsplätze machte sich breit.

Am 11. Februar 1990 kam es zur größten Demo, die Plötzky bis dahin je gesehen hatte. Über tausend Menschen folgten der Einladung des unabhängigen Bürgerkreises. Man traf sich an der Kirche, um nach einer kurzen Ansprache Pfarrer Meusslings zu den Klosterbergen zu ziehen. Auf der abgeholzten Fläche wurde ein Baum gepflanzt. Weiter ging es zum Zeltplatz Gisela- / Edersee, der, wie zahlreiche Bungalows, ebenfalls verschwinden sollte.

Die Plötzkyer hatten Erfolg. Ihr " Hausberg " blieb erhalten. In den Jahren sind schon wieder so viele Kiefern und Birken über diese Geschichte gewachsen, dass man den Kindern davon erzählen muss.