Zur Eröffnung des Schönebecker Krematoriums vor einem Jahr kamen 700 Besucher zum Tag der offenen Tür. Jetzt am Sonnabend waren es sogar noch ein paar mehr. " Mit einem solch großen Interesse hätten wir nicht gerechnet ", sagt einer der Geschäftsführer Ingolf Heiduk.

Schönebeck. " Ist es hier immer so sauber ?", fragt erstaunt eine Besucherin im zweiten Raum des Schönebecker Krematoriums, der ihr bei einer der vielen Führungen zum Tag der offenen Tür am Sonnabend vorgestellt wird. Im Alltag wird hier der Sarg mit dem Verstorbenen auf eine Schiene geschoben, die ihn in den Flachbettofen einfährt. " Alles geschieht automatisch ", wie Betriebsleiter Steffen Horn betont. Während einer Einäscherung verfolgt er den Ablauf auf dem Bildschirm. Minutiös werden die Verbrennungsvorgänge aufgezeichnet. Die Asche bleibe, so versichert Horn, komplett im Ofen, " da dringt nichts nach draußen, sonst könnten Sie an den Wänden die Rußrückstände sehen. "

" Auch die Behörden haben bei ihren Überprüfungen über die hygienischen Verhältnisse gestaunt ", bestätigt Hans-Joachim Aue, Bestatter und ebenfalls einer der Geschäftsführer der Krematorium Schönebeck GmbH und Co KG. " Aber natürlich haben wir alles besonders blank geputzt, bevor wir am Tag der offenen Tür Gäste empfangen ", gibt Betriebsleiter Horn zu. Dass es so viele Besucher werden würden, die am Sonnabend einmal einen Blick an eines der modernsten Einäscherungsanlagen Deutschlands werfen würden, hätte er ebensowenig gedacht wie die drei Geschäftsführer. Ingolf Heiduk, Wolfgang Ruland und Hans-Joachim Aue. Mehr als 700 Interessierte ließen sich bei Führungen in Personengruppen von bis zu 25 Leuten das Verfahren der Einäscherung erklären. Dabei spielten technische Aspekte ebenso wie medizinische, praktische oder religiöse Fragen eine Rolle. " Wir hätten nicht noch einmal mit einem solchen Besucheransturm wie zur Eröffnung im vergangenen Jahr gerechnet ", gibt Ingolf Heiduk zu. Schon vor 10 Uhr standen die Menschen vor dem Tor Schlange. Zeitweise füllten mehr als 100 Menschen auf einmal den Raum, in dem der große Brennofen samt Filteranlage steht.

Auf die sind die Betreiber besonders stolz. " Wir haben hier als Ergebnis nach dem Verbrennungsprozess weniger Schadstoffausstoß als ein Einfamilienhaus ", sagt Heiduk, " Die Emissionswerte, die wir erreichen, liegen weit unter den Grenzwerten, die EU-weit ab 2013 gelten sollen ", ergänzt Wolfgang Ruland. Insofern habe es sich als günstig erwiesen, dass man vor einem Jahr in einen kompletten Neubau hier in Schönebeck investiert habe. " Ursprünglich hatten wir vor, das Krematorium in Bernburg zu übernehmen ", erklärte Ruland. Doch das Gebäude dort stehe unter Denkmalschutz und habe nicht im gleichen Maße mit der erforderlichen Filtertechnik ausgerüstet werden können. Von den 1, 6 Millionen Euro Gesamtinvestitionssumme habe mehr als die Hälfte allein der Ofen gekostet. Drei Mitarbeiter sind derzeit im Krematorium direkt beschäftigt. Fragen zu beantworten hatten nicht nur sie, sondern auch die beiden Rechtsmediziner, die jeden Leichnam noch einmal überprüfen, Dr. Rüdiger Schöning und Dr. Norbert Beck, beide aus Magdeburg. " Bei Einäscherungen ist eine solche zweite Leichenschau seit 1934 vorgeschrieben ", erklärt Beck. Man wolle eben sicher sein, dass es sich um keinen Scheintod handle. 1995 war es in Staßfurt zuletzt zu einem solchen Fall gekommen, dass eine ältere Frau fälschlich für tot erklärt worden war. " Deshalb müssen Kühlräume mittlerweile auch von innen zu öffnen sein ", erklärt Hans-Joachim Aue.

Von anderen spektakulären Fällen aus seinem Alltag berichtet Dr. Beck : Durch eine Zweituntersuchung kämen tatsächlich manche Todesursachen erst ans Tageslicht. Er erinnerte sich an einen fünfjährigen Jungen, der einige Monate starb, nachdem er in einen Feuerlöschteich gefallen sei. Durch seine Nachfrage sei herausgekommen, dass das Loch im Zaun der Einrichtung, also die Gefährdung weiterer Kinder, bestanden habe, so Beck. Noch dramatischer war ein Fall, bei dem eine Intervention zu spät kam. Ein Mann, dem eine natürliche Todesursache bescheinigt worden war, war in Wirklichkeit den Spätfolgen einer massiven Körperverletzung erlegen.

Die Feuerbestattung ist nach Angaben der Bestatter in der Region die am häufigsten gewählte Form. " 96 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt lassen sich einäschern ", erklärt Ingold Heiduk. Mittlerweile werde dies auch in den alten Bundesländern häufiger. Seinen Angaben zufolge gehe die Entwicklung insgesamt zur Verbrennung im Krematorium mit anschließendem Begräbnis auf der Grünen Wiese.

In Schönebeck sind täglich zwölf bis 15 Einäscherungen möglich. Bis zu 6000 Verbrennungsvorgänge könnten bei einem 24-Stunden-Betrieb gewährleistet werden.

Pfarrer Thomas Lütgert aus Großmühlingen erläuterte die Bestattungsform aus Kirchensicht. " Die Angehörigen können auf Wunsch hier im Krematorium in einem eigenen Raum die Prozedur ebenfalls am Bildschirm verfolgen ", erklärt Ruland. " Vielleicht mit einer Kerze auf dem Tisch, letztlich ist alles eine Frage der Pietät. "