Mit einem ökumenischen Gottesdienst in der St. Marien Kirche in Staßfurt gedachten Montagabend mehr als 150 Christen und Kommunalpolitiker aus Staßfurt und Umgebung des Mauerfalls vor 20 Jahren. Darunter waren auch viele, die 1989 in Staßfurt gegen die SEDHerrschaft protestiert hatten. Vom Grußwort, das Staßfurts Oberbürgermeister René Zok ( parteilos ) dort hielt, waren einige Besucher nicht begeistert.

Staßfurt. Der katholische Pfarrer Peter Zülicke sprach von einem historischen Tag, einer historischer Stunde und einem historischen Ort, um sich daran zu erinnern, was die Menschen vor zwanzig Jahren bewegt habe, nämlich den Fall der Mauer und damit des Regimes, das die Menschen diktatorisch beherrscht habe. Man dürfe dankbar dafür sein, dass das damals ohne Gewalt gelungen sei, sagte der Geistliche. " Das waren 20 Jahre ", so sein Fazit, " die unser Leben geprägt haben und in denen viel Gutes gelaufen ist. Das ist auch in Staßfurt abzulesen. "

Aber nicht alle Vorstellungen und Träume, die die Menschen vor zwei Jahrzehnten mit den Umwälzungen verbunden hätten, hätten sich erfüllt. Zülicke : " Es gab viele Enttäuschungen, manchmal auch Ärger und Resignation. "

Der evangelische Pfarrer Thomas Weigel verwies darauf, dass der Fall der Mauer Vorboten hatte. " Wer Augen im Kopf hatte und Ohren, hatte sie auch wahrgenommen. " Als Beispiel nannte er die Unbeiirrbaren, die jeden Montag in Leipzig um den Ring marschiert sind und auch die Staßfurter angesteckt hatten, es ihnen gleich zu tun und in die Kirche zu gehen, so Weigel. Er erinnerte sich noch ganz genau an ein Friedensgebet zu jener Zeit in der Marien Kirche, wo ein Staßfurter sagte : " Herr ich danke Dir, dass Du uns unsere Sprache wieder gegeben hast. " Damals sei der mehrere hundert Jahre alte Psalm " Mit meinem Gott überspringe ich Mauern " Wirklichkeit geworden. Das zeige, dass das Unmögliche möglich werde, wenn man sich an Gott, den Herrn, halte.

Die vor zwanzig Jahren von den Menschen erkämpfte Freiheit sei ein hohes Gut, das von denen, die es besitzen, aber oft nicht genug gewürdigt werde, sagte Weigel. Es müsse ebenso wie die Demokratie geschützt und verteidigt werden.

Damals sei es relativ einfach gewesen, das Richtige zu tun. Heute sei es viel komplizierter und schwerer das Richtige zu sagen. In diesem Zusammenhang forderte der Pfarrer die Christen auf, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen sowie für das Gemeinwohl in den Parteien mitzuarbeiten und sich nicht an den " Biertisch " zurück zu ziehen. Es gebe noch große Probleme zu lösen.

Schobes verlässt

vorzeitig die Kirche

Staßfurts Oberbürgermeister René Zok ( parteilos ) bezeichneter den 9. November als Tag des Aufbruchs, aber auch des Erinnerns und des Nachdenkens. Letzteres bezog sich auf die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, mit der die Nazis die Hatz auf die Juden eröffneten. Den Menschen, die sich 1989 auch in Staßfurt in die Reihen der Demonstranten eingereiht hatten, bescheinigte Zok damit Mut bewiesen zu haben. Zum Schluss forderte das Stadtoberhaupt alle Bürger auf : " Wir dürfen nicht nachlassen mit unserem Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrechten !"

Davon bekam der Chef der UBvS-Fraktion des Stadtrates, Corinthus Schobes nichts mehr mit, denn er und andere hatten zuvor die Kirche verlassen. " Ich habe es für einen solchen Gottesdienst nicht angemessen gehalten, dass der Oberbürgermeister spricht ", sagte Schobes unter Hinweis auf Zoks Studium als NVA-Politoffizier.