Der Autor Niklas Frank ist auf Lesereise. Frank ist einer der Söhne des einstigen Generalgouverneurs von Polen, Hans Frank. In dessen Verantwortung fällt die Ermordung Hundertausender Polen. Niklas Frank hat die Geschichte seiner Familie in zwei Büchern festgehalten. Gestern las er daraus im Schönebecker Carl-Hermann-Gymnasium.

Schönebeck. Konzentrierte Stille herrscht im Raum. Die Septembersonne drückt warm gegen die Jalousien. Schüler der zehnten Klassen hören an diesem Mittwochnachmittag einem Mann zu, der mit seiner Biografie ein Teil der dunkelsten deutschen Geschichte ist. Niklas Frank, geboren 1939 als fünftes Kind des Ehepaares Brigitte und Hans Frank, ist selbst fassungslos über das Grauen, das das nazistische Deutschland über die Welt gebracht hat. Sein Vater, 1939 von Hitler als Generalgouverneur von Polen eingesetzt, ist verantwortlich für unsägliches Leid. Niklas Frank sorgte 1987 mit seinem Buch " Der Vater. Eine Abrechnung ", für Aufsehen. Aus diesem Buch las er gestern im Schönebecker Carl-Hermann-Gymnasium.

In drastischer und deutlicher Sprache setzt sich der frühere Journalist mit den Geschehnissen zu Zeiten seiner Kindheit auseinander. " Ich sehe mich mit der SS-Wachmannschaft Nudeln essen ", heißt es unter anderem in seinem Text. Doch so nett bleibt es nicht. Frank liest über seine Erinnerungen im Warschauer Ghetto, erzählt von augemergelten Gestalten die er, ein Fünfjähriger damals, auf der Straße sieht. Ein abgemagerter Junge mit tiefliegenden Augen blickt zu ihm in die gepanzerte Limousine, mit der sich seine Mutter durch das Ghetto fahren ließ, um hier billig einzukaufen.

Wie einen schwarzen Kloß in sich habe er die Verstrickung seiner Eltern in den Völkermord empfunden. Beim Betrachten der fotografierten Leichenberge in den Konzentrationslagern, vor allem beim Anblick ermordeter Kinder habe er schließlich nicht anders gekonnt, als sich an eine Aufarbeitung zu wagen. " Die Leiden, für die meine Eltern verantwortlich sind, werde ich ein Leben lang mit mir herumtragen ", sagt er während der Lesung. Was ihn besonders berührt, was ihn wütend macht, ist, dass sein Vater bis zu seiner Hinrichtung nach den Nürnberger Prozessen nichts kapiert habe. Seine Verlogenheit sei ihm bereits als Bub aufgefallen. " Ein Kind hat ein gutes Gefühl für falsche Töne ", meint Frank. Er habe oft in den Worten seines Vaters gespürt, dass darin Lügen steckten. Ein Leben voller Lügen habe Hans Frank geführt ; keine Reue gezeigt bis zum Schluss. " Ich habe bei meinen Recherchen gehofft, ich würde irgendetwas Positives über eine Eltern herausfinden. Vielleicht haben sie ja wenigstens einem Menschen, vielleicht sogar einem Juden das Leben gerettet. Ich habe leider nichts gefunden ", gesteht er.

Er erzählt von seiner erwachsenen Tochter und von ihren Tränen beim Lesen der eigenen Familiengeschichte. Auf Nachfrage der Schüler redet er auch über seine Geschwister. Bis auf einen Bruder hätten sie seine Abrechnung mit der Vergangenheit verurteilt.

Ein Filmteam aus Israel ist dabei und macht Aufnahmen. Nach der Lesung wollen die Israelis von den Schülern wissen, mit welchen Erwartungen sie in die Veranstaltung gekommen sind und welche Empfindungen sie nun haben. " Ich hatte während der Lesung Herzklopfen ", sagt Robert Hilliger. Es sei wichtig für die heute junge Generation, fügt er hinzu, Zeitzeugen zu hören.

Janine Werdermann überreicht Niklas Frank ein kleines Kästchen. " Es ist die Carl-Hermann-Medaille. Sie wird für besondere Verdienste verliehen ", sagt sie an den Autor gewandt. Der will wissen, welche Verdienste er sich erworben habe. " Einfach, dass sie hier bei uns waren ", lautet die Antwort der Schülerin.

Ein kleinerer Kreis der Zehntklässler gesellt sich zu Niklas Frank, bildet einen Halbkreis um ihn. Es wird nachgefragt. Wie umgehen, wie herauskommen aus einer solchen Schuld ? " Der einzige Weg ist anzuerkennen, was geschehen ist ", betont der 70-Jährige.

Seine Lesereise, die ihn gestern auch in die Schönebecker Gorki-Schule führte, wird unterstützt von SPD-Bundestagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt.