Die Rettung einer Kirche, das Erscheinen von Heiligenf guren, unerwartete tatkräftige Hilfe : Gleich von einer ganzen Reihe von " Wundern " konnte Rüdiger Meussling, Pfarrer im Ruhestand, berichten, als er eine Gruppe ehemaliger Eisenbahner durch die Kirchen in Plötzky und Pretzien führte. Die Wandmalereien der Sankt-Thomas-Kirche sind derzeit auch für das Kulturhistorische Museum Magdeburg interessant : Für die Ausstellung " Aufbruch in die Gotik " im August.

Plötzky / Pretzien. Das sichtbarste Wunder, das Rüdiger Meussling, Pfarrer im Ruhestand, und seine Frau, die überregional tätige Restauratorin Anna-Maria Meussling, zu verantworten haben, ist die Thomaskirche in Pretzien selbst. Das um 1130 errichtete romanische Bauwerk würde ohne den bemerkenswerten Einsatz des engagierten Ehepaares wohl nicht mehr stehen. " Kirche und Staat hatten die Kirche längst aufgegeben ", erinnert sich Meussling, als er einer Gruppe ehemaliger Eisenbahner aus Magdeburg das Kulturdenkmal zeigt. " Alles war mit Flieder bewachsen, darunter lag Schutt, man konnte die Kirche kaum sehen. " Die war zudem baufällig. Ein Bild mit Symbolwert. Denn auch die Gemeindearbeit lag ziemlich am Boden. " Zum ersten Gottesdienst kam nur einer : Vater Kersten. " Da sei er nahe dran gewesen, das Handtuch zu werfen, gibt Rüdiger Meussling zu. Seine Frau sei es gewesen, die ihm Mut gemacht habe. " Meinst du nicht, gerade hier brauchen die Menschen ihren Pastor besonders nötig ?", fragte sie. Das war in den 70 er Jahren. Tiefste DDR. Im Jahr 20 nach der Wende auch ein Stück Zeitgeschichte.

Die Restauratorin wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, an was für einem Wunder sie selbst in der Pretziener Kirche beteiligt sein würde. Bei der Untersuchung der Apsis, dem Altarraum der Prämonstratenserkirche, machte die Restauratorin eine Entdeckung, die sie elektrisierte : Meussling stieß auf Wandmalereien von einer unerwarteten Qualität – und mit erstaunlichen Motiven. Doch das stellte sich erst nach und nach heraus. Zunächst sei sie von den Denkmalpf egern belächelt worden.

Der Zauber der rund 800 Jahre alten Gemälde nimmt die heutigen Betrachter sofort beim Betreten der schlicht gehaltenen romanischen Kirche gefangen. Jesus, umrahmt von Maria und Johannes, ist dargestellt. Daneben eine Sensation : die klugen und törichten Jungfrauen, " wie sie aus dem Magdeburger Dom bekannt sind ", erklärt Rüdiger Meussling, " nur dass unsere wahrscheinlich älter sind. " Denn die Entstehung der Pretziener Wandmalereien wird auf 1220 bis 1250 geschätzt. Die berühmten steinernen Jungfrauen im heutigen Dom sind 1260 entstanden. Anna-Maria Meussling vermutet schon lange, dass derselbe Maler, der den 1207 abgebrannten ottonischen Dom gemalt hat, auch die Pretziener Dorfkirche gestaltet haben könnte. " Die verwendeten Farben, die Technik, die Qualität der Malerei in jeglicher Hinsicht spricht für einen Meister ", meint Meussling. Manche Farben habe es im 12. Jahrhundert in der hiesigen Region gar nicht gegeben. " Die muss jemand aus dem Süden mitgebracht haben ", so die Restauratorin. Das sei teuer gewesen. Wegen der täuschenden Ähnlichkeit der klugen und törichten Jungfrauen mit denen im heutigen Magdeburger Dom hat das Kulturhistorische Museum Magdeburg Interesse angemeldet. Dies bestätigte Museumsleiter Professor Matthias Puhle. Dabei geht es um die Vorbereitung der nächsten großen Ausstellung " Aufbruch in die Gotik " im August. Einzelheiten sind noch nicht klar.