Es wurde eifrig diskutiert, als Amtsgerichtsdirektor Kay Timm aus Stendal jetzt im Landesbildungszentrum zu Gast war. Eine imaginäre Flugzeugentführung mit Terrordrohung und die Frage: "Was tun?" zog die Schüler der 8. bis 10. Klassen in den Bann und schied die Geister. Es ging um Menschenrechte.

Tangerhütte l Bis zu 600 Mal im Jahr steigen die Kampfflugzeuge der deutschen Flugsicherheit in den Himmel auf, weil es unklare oder brenzlige Lagen und damit die Gefährdung von Menschen in der Luft aber auch am Boden gibt, erklärte der Stendaler Jurist den Schülern.

Amtsgerichtsdirektor Kay Timm sorgte mit dem sehr lebendig moderierten Szenario eines Urlaubsfliegers, in dem sich plötzlich alle Schüler samt Lehrerinnen als Entführungsopfer befanden, dafür, dass die Jugendlichen nicht nur zuhörten, sondern vor allem auch mitmachten: "Wer würde den roten Knopf zum Abschuss drücken?", fragte Timm nach geklärter Lage.

Zaghaft erhoben sich einzelne Finger, die meisten Schüler der Klassen S8K, S9K und S10K wollten aber lieber andere Wege suchen. Und auch Bedenken gab es: Was zählt mehr? Die Großstadt, auf die das Flugzeug zu stürzen droht, oder die Menschen an Bord, die Hoffnung haben, es könnte sich "nur" um eine leere Drohung handeln. Zwischendurch gab es imaginäre Telefonate mit der Kanzlerin, von der es auch keine klaren Anweisungen für den Kampfflugzeugpiloten gab. Die Meinungen der Schüler blieben gespalten, auch wenn immer wieder gut argumentiert wurde. Wie schwierig es ist, solche Entscheidungen zu treffen, merkten sie schnell.

Und bevor sich niemand mehr in einen Flieger wagte, erläuterte Timm zum Abschluss: "Eine Abwägung von Menschenleben darf der Staat nicht vornehmen, deshalb ist es in Deutschland auch nicht möglich, den Flieger einfach abzuschießen." Von der Schutzpflicht des Staates sprach er und von Grund- und Menschenrechten.

Wie entscheidet man in einer Notsituation?

Und dann kletterten alle gemeinsam in die Berge, natürlich auch nur in Gedanken und moderiert von einem schauspielerisch talentierten Amtsgerichtsdirektors, der schon so manche Informationsveranstaltung in Sachen Recht gestaltet hat. Denn zum internationalen Tag der Menschenrechte im Dezember werden auch in Stendal regelmäßig Veranstaltungen organisiert.

Ein bevorstehender Absturz weil das Seil nur einen hält und die Entscheidung, den Bruder am unteren Ende des Seils abzuschneiden, um sich selbst zu retten, rückte in den Mittelpunkt. Und wieder wurde diskutiert - sehr emotional. "Ich würde mich mit abschneiden, denn damit, meinen Bruder umgebracht zu haben, könnte ich nicht weiterleben", sagte ein Mädchen. Kay Timm, der selbst jugendliche Söhne hat, erinnerte sie an den doppelten Schmerz der Eltern, wenn sie beide Kinder verlieren würden. Wieder wurde gegrübelt. Eine Lösung gab es nicht, aber das Wissen, wie mit einer solchen ausweglosen und extremen Notsituation rechtlich verfahren wird. "Schuldloses Handeln" nannte es der Fachmann, der an dem Tag aber noch viele weitere wissenwerte Informationen mit den Schülern behandelte.

Informationen zum Betreuungsrecht, aber auch zum Jugendstrafrecht kamen zur Sprache und wurden begierig aufgenommen. Auch das Thema Vaterschaft und Sorgerecht interessierte die Jugendlichen. Zustande gekommen war der Besuch Kay Timms durch den Kontakt von Lehrerin Rotraud Buch, die ihn im Rahmen des Sozialkundeunterrichts eingeladen hatte. "Wir kennen uns schon länger", sagt Timm.

Schon die Ausstellung "Justiz im Nationalsozialismus habe die engagierte Lehrerein 2008 in Stendal besucht und dort Kontakt aufgenommen. Gerne würde sie viel mehr solcher Angebote nutzen, auch die Möglichkeit, weitere Gedenkstätten mit den Schülern zu besuchen, sagt sie. Oft aber scheitere das an den Fahrkosten für die körper- und sehbehinderten Schüler des Landesbildungszentrums.