Stendal l Vielleicht brachte es der Satz einer Schülerin am besten auf den Punkt, was Roman Grafe ausdrücken wollte. "Na klar konnte man sich auf die Sicherheit verlassen, aber dafür musste man auch einen Preis zahlen, nämlich die Freiheit", sagte die Fachgymnasiastin. Grafe war gestern zu einer Lesung in der Berufsschule zu Gast. Dabei kamen auch die Lesung in der Comenius-Schule vom vergangenen November und die Auseinandersetzung mit einer Lehrerin zur Sprache, standen aber nicht im Mittelpunkt.

Blick in eine unerreichbare Stadt

Grafe hatte das Buch "Die Schuld der Mitläufer" mitgebracht, in dem er und weitere Autoren ihr Leben in der DDR reflektieren. Zunächst einmal wollte er wissen, was sich die Schüler unter dem Begriff Mitläufer vorstellen. "Leute, die immer nur ja sagen", "Menschen, die keine eigene Meinung haben", "Sie tun fast alles, um zu den Coolen zu gehören", waren Antworten. "Wir konnten nicht anders, wir haben nichts gewusst", das seien Antworten die Grafe oft von Erwachsenen in seinen Lesungen höre. Oder auch: "Es war nicht alles schlecht." "Das stimmt", räumte er ein, "aber es war auch nicht alles gut."

Aus dem Band hatte er einen Text von Walburga Raeder ausgewählt. Die Tochter aus einem katholischen Lehrerhaushalt wurde auch Lehrerin, schildert wie auch im Deutsch- und Musikunterricht die parteiliche Haltung wichtig war. Sie habe nicht aufbegehrt. Als die Tochter eines Superintendenten aber nicht zur EOS zugelassen werden sollte, war sie dazu entschlossen, sich für das Mädchen einzusetzen. Die Eltern entschieden sich jedoch dazu, das Mädchen eine Berufsausbildung mit Abitur absolvieren zu lassen, das sei einfacher. Und Raeder blieb die Konfliktsituation erspart. Sie schildert, wie sie in den 80er Jahren auf den Französischen Dom stieg, auf West-Berlin blickte, eine Stadt, die sie nie erreichen könnte. "Viele hat es nicht gestört, an der Grenze zu wohnen, mich schon", schreibt sie.

Grafe wollte von den Schülern wissen, was der Text bei ihnen ausgelöst hat. "Mich hat berührt, dass sie sich für die Schülerin einsetzen wollte", sagte ein Schüler. "Was mich allgemein stutzig macht ist, dass ein Land so aufgeteilt worden ist, dass das Einheitsgefühl verlorengegangen ist", meinte eine Schülerin. Ein anderer meint: "Wir können uns das gar nicht vorstellen, wie es ist, auf einem Turm zu stehen und ein Land zu sehen, in das man nicht kann."

Möglichkeiten des Widerstehens

Dort hakte Grafe ein. Dieser Satz ärgere ihn, vor allem wenn er von Lehrern kommt. "Viele wollen es sich gar nicht vorstellen", behauptete er. Es sei einfacher, über Diktaturen in Argentinien und Bolivien schockiert zu sein. Er selbst sei kein Widerständler gewesen, dafür habe ihm der Mut gefehlt. Es habe aber Möglichkeiten gegeben zu widerstehen. "Wir hatten nie am 1. Mai eine Fahne am Fenster", nannte er ein Beispiel. Auch habe niemand zu den Grenztruppen oder in die Partei eintreten müssen.

Er streifte auch die Lesung an der Comenius-Schule vom vergangenen November, bei der eine Lehrerin ihm Subjektivität vorwarf. "Darum geht es mir überhaupt nicht", sagte Grafe, "aber es darf nicht sein, dass Lehrer glauben, einen Verbrecherstaat verklären zu dürfen".