Wenn Leiden ein Gesicht bekommt: Zum Jahrestag des Massakers an der Gardeleger Feldscheune wurden die Besucher am Sonntag mit einem Einzelschicksal konfrontiert. Marc Jonghbloet erzählte von seinem Onkel Frans, der 19-jährig dort umkam.

Gardelegen l Die Suche dauerte rund 65 Jahre. Erst vor knapp fünf Jahren ging sie zu Ende, da fand Marc Jonghbloet seinen Onkel wieder. Auf einem erschreckenden Bild im Internet. Der damals 19-Jährige war offenbar einer der 1016 KZ-Häftlinge, die am 13. April nach langen quälenden Todesmärschen in der Isenschnibber Feldscheune nahe Gardelegen auf grausame Weise von den Nazis ermordet wurden.

Am Sonnrtag, genau 69 Jahre später, berichtete der Belgier den Besuchern der Gedenkveranstaltung in bewegenden Worten von seiner Suche nach dem verschollenen Familienmitglied und gab so einem der anonymen Opfer seine Identität wieder. Ergriffen hörten die Gardeleger und Gäste von außerhalb vom Schicksal eines jungen Mannes, den sie nie vorher gesehen hatten, und dem sie schließlich - wie auch den anderen 1015 Ermordeten - am Sonntag alle Ehre erwiesen.

Nach der Kranzniederlegung in der Feldscheune bat Pfarrer Ludwig Rother, Vorsitzender des Fördervereines der Mahn- und Gedenkstätte, die Besucher noch einmal zum Gräberfeld. Auch am dortigen Gedenkstein wurden schließlich noch Blumen und Kränze niedergelegt.

Und auch hier sorgten ein Ensemble aus Mitgliedern des Männerchores und des katholischen und evangelischen Kirchenchores sowie Mitglieder des Miester Posaunenorchesters für eine würdevolle Umrahmung.

Traditionell beteiligten sich auch wieder Schüler des Gardeleger Gymnasiums an der Gedenkstunde. Sie holten ebenfalls rund einhundert Opfer heraus aus der Anonymität, lasen Namen und Alter der Opfer vor.

Eindringliche und bewegende Worte auf hebräisch und deutsch richtete schließlich ein weiterer Gast an die Besucher: Rabbiner Benjamin Sousson von der jüdischen Gemeinde Magdeburg sprach Gebete für alle ermordeten Juden und die Opfer des Gardeleger Massakers und wandte sich auch persönlich an die Gardeleger: "Wir suchen keine Rache, sondern Verständnis", betonte er, und: "Danke, dass Ihr das hier nicht vergessen habt."

 

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