Zwei Tage, nachdem der Runde Tisch beschlossen hat, dass das Trinkwasser am 1. Juli abgestellt wird, wenn bis dahin nicht die fälligen Zahlungen eingegangen sind, ist die Meinung in Süd gespalten. Manche sehen den Oberbürgermeister in der Pflicht, andere sehen die Schuld beim Vermieter.

Stendal l Achim Siefert wohnt seit zwei Jahren in Süd. Im vierten Stock an der Hanseallee. Aber jetzt will er zusammen mit seinem WG-Kumpel Frank und dessen Nichte Nadine weg. "So geht\'s doch nicht weiter", sagt er. Am Donnerstag hatte er einen Termin bei der SWG. Wohnungen in der Albert-Einstein- und der Max-Planck-Straße sind ihm da angeboten worden. Aber dort will er nicht hin. Bleiben kann er hingegen auch nicht.

"Ich will doch kein Wasser in den vierten Stock hochschleppen", sagt er. "Darauf habe ich auch keinen Bock", bekräftigt Nachbarin Christina, die noch eine Etage höher wohnt und sich zu den Dreien ins Wohnzimmer gesellt hat. In Kalbe gibt es vielleicht eine neue Wohnung. Konkret ist aber noch nichts.

In Achim Sieferts Wohnzimmer herrscht eine Atmosphäre von Wut, Verzweiflung und Ratlosigkeit. "Ich kann hier nicht bleiben, ich habe zwei Kinder, für die ist das doch eine Zumutung", meint Christina kopfschüttelnd. Andererseits sagt sie traurig: "Wir wollen hier alle nicht weg, das ist doch unser Zuhause."

Vermieter entwickelt Verschwörungstheorie

So einfach kapitulieren möchte Achim Siefert auch nicht. "Ich organisiere ein Benefizkonzert, und der Erlös kann dann direkt an die Stadtwerke überwiesen werden", sagt er. "Achim, so viel Geld kriegst du doch niemals zusammen", nimmt ihm Christina die Illusion.

Nach Stadtsee will sie aber auch nicht und kommt zu dem Schluss: "Den Leuten ist Süd doch scheißegal." Die Schuld sieht sie allerdings nicht bei "den Leuten", sondern dem Vermieter, der den Stadtwerken Geld schuldig geblieben ist.

Das sehen die zwei Frauen (29 und 57 Jahre alt) ganz anders, die auf einem Treppenabsatz neben dem Büro des Eigentümers Raks AG sitzen. "Ich bin so enttäuscht vom Bürgermeister", sagt die 57-Jährige. Wahlwerbung bräuchten die Parteien gar nicht mehr in die Briefkästen zu werfen. "Die sollen sich selbst wählen", sagt sie verächtlich. Sie will in Süd bleiben, genau wie ihre Gesprächspartnerin, die versichert, "bis zur Abrissbirne" in Süd auszuharren.

Nach Stadtsee, da sind sich die beiden einig, wollen auch sie nicht ziehen. "Da sind so viele Ausländer", meint die 57-Jährige, "ich habe zwar nichts gegen sie, will aber nicht mit ihnen wohnen." "Hier ist doch alles grün und sauber", nennt die 29-Jährige zwei andere Gründe, die für Süd sprechen.

Gleich nebenan im Büro der Raks AG ist Prokurist Ramazan Yagan zwar nicht in seinem Büro, aber ein anderer Vertreter des Vermieters. Der hat kein Verständnis für das Ergebnis des Runden Tisches, an dem die AG nicht teilgenommen hat, "Wir haben keine Einladung bekommen", begründet er. Und erklärt die Situation mit einer Art Verschwörungstheorie: "Das Geld für den Allgemeinstrom ist gezahlt worden, aber die Stadtwerke klemmen dennoch ab." Auch den vom Versorger genannten "mittleren sechsstelligen Betrag" will er nicht gelten lassen. "Die Summe ist niedriger, viel niedriger", behauptet er.

Sozialkaufhaus bietet Hilfe an

Das Sozialkaufhaus ist die letzte Einkaufsmöglichkeit in Süd, nachdem die Netto-Filiale Anfang des Monats geschlossen worden war. Im Sozialkaufhaus arbeitet Kerstin Minding, die viel von den Bedürfnissen der Bewohner in Süd mitbekommt. "Als die Fernwärme abgestellt wurde, kamen viele und brauchten Radiatoren und Decken, da konnten wir helfen", erzählt sie. Auch in der jetzigen Situation könnte das Sozialkaufhaus eine helfende Hand bieten. "Beim Umzug würden wir auch helfen, wenn sich das machen lässt", bietet sie an.

In Achim Sieferts Wohnzimmer steht die Entscheidung fest. Sie wollen aus Süd wegziehen. Doch wohin, steht noch nicht fest. Nur, wohin nicht: nach Stadtsee.

   

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