Werben l "Friedrich Schorlemmer in Werben vorzustellen, ist wie Eulen nach Athen tragen!" Superintendent Michael Kleemann hielt beim Altmärkischem Kirchentag die Einführung zu der Veranstaltung "Bibelarbeit" entsprechend kurz. Der evangelische Theologe Schorlemmer ist vielen bekannt. Besonders in der kleinen Hansestadt Werben, in der er aufgewachsen ist.

Die Bänke in der Johanniskirche waren am Sonntagnachmittag gut gefüllt, als Friedrich Schorlemmer das Mikrofon ergriff. Zunächst äußerte er seine Verwunderung über die Jahreslosung für 2014: "Gott nahe zu sein, ist mein Glück." Genauer gesagt über die Übersetzung des Psalms 73,28. Denn eigentlich ist dort zuvor von Widersprüchen die Rede: "Als es mir weh tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren, ... dennoch bleibe ich stets in dir..." Und Widersprüche, so Schorlemmer, "sollte man nicht herausnehmen. Nicht aus dem Leben, nicht aus dem Glauben." Auch im Glauben blieben stets Fragen und Zweifel. Er ist sich sicher: "Die Übersetzer gucken zu viel Privatsender!"

Resourcenabbau für das 50. Paar Schuhe

Für Sprüche wie diese ist er ebenfalls bekannt. Beim Altmärkischen Kirchentag war die Bibelarbeit mit ihm - diese Bibelarbeit war eigentlich eher ein Vortrag über sein Buch "Die Gier und das Glück" - von ähnlichen, amüsanten Bemerkungen durchzogen.

Avaritia, eine der sieben Todsünden, steht im Mittelpunkt von Schorlemmers Buch. Avaritia ist der lateinische Begriff, der gleich zwei unliebsame Charaktereigenschaften vereint: Geiz und Habgier. Schorlemmer: "Der Werbeslogan ,Geiz ist geil` bringt es auf den Punkt!" Für den Theologen ist Avaritia die größte Sünde, die schlimmste unserer Zeit, denn sie "hat das Zeug, unsere Welt in den Ruin zu treiben". Gier ist die Wurzel allen Übels. Zum einen erzeugt Gier Neid, Neid wiederum Hass. Zum anderen "wird dort, wo Gier regiert, das schlechte Gewissen minimiert". Um täglich Fleisch zu essen oder das 50. Paar Schuhe zu besitzen, werden Ressourcen rapide abgebaut, schlechte Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung und nicht artgerechte Tierhaltung in Kauf genommen.

Andererseits ist die Gier ein Grundprinzip unserer Gesellschaft und dementsprechend alt. Man denke nur an Adam und Eva, die ihre Gier nach Erkenntnis gestillt haben, oder an das Märchen vom Fischer und seine Frau. Gier - zum Beispiel nach mehr Wissen oder besseren Lebensbedingungen - ist notwendig, um Menschen voranzubringen. Das Anstacheln der Gier nach mehr Konsumgütern oder mehr Macht hingegen ist Schorlemmer zufolge die große Sünde. Eine schwierige Gratwanderung also. Denn: "Kennen Sie solche Leute, die sind nicht gierig, aber auch deshalb so wahnsinnig langweilig?"

Wir sind alle "anstachelbar", so Schorlemmer, wichtig sei, achtsam zu bleiben. "Betrachten Sie nicht alles nur vom schnellen Genuss, vom billigen Kauf her!" Ein Mehr an Gütern bedeutet nicht unbedingt ein Mehr an Genuss beziehungsweise Glück. Schorlemmers Tipp: "Wir sollten danken für das, was wir haben, statt zu klagen, was wir nicht haben."

Glücklichsein: ein neuer Schirm und dann Regen

Dieser Ratschlag sei besonders im zunehmenden Alter sehr zu empfehlen. "Freuen Sie sich über das, was Sie noch können!" Zum Beispiel freue er sich darüber, dass er noch gut Rad fahren könne. Dass er das mit seinen 70 Jahren besser nicht mehr mit einem Herrenrad macht, sei unwichtig. "Kleine Dinge werden ganz groß", wenn man sich die Vergnügungen des Lebens jeden Tag bewusst mache. "Glücklich sein: ein neuer Schirm und dann ein ordentlicher Regen!"