Stendal l Blasenschwäche gilt in unseren Breiten als Tabu-Thema. Die Weltkontinenzwoche vom 23. bis 29. Juni will auf das Thema aufmerksam machen. Das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum des Johanniter-Krankenhauses in Stendal veranstaltet am 25. Juni dazu ein Telefonforum. Volksstimme-Redakteur Volker Langner sprach darüber mit Dr.Beate Koberstein, Leitende Oberärztin der Stendaler Frauenklinik.

Volksstimme: Harninkontinenz - volkstümlicher ausgedrückt: das Einnässen - ist kein Thema, über das gern gesprochen wird. Warum nun eine Kontinenzwoche?
Dr. Beate Koberstein: Weil es wichtig ist, das Thema publik zu machen. Betroffene sollen sich trauen, Hilfe zu suchen. Inkontinenz ist nicht schön, aber man kann Betroffenen helfen.

Ist Inkontinenz eine Krankheit oder eher ein unangenehme Begleiterscheinung des Älterwerdens?
Sie ist eindeutig als Krankheit anerkannt.

Ist eine Heilung möglich?
Inkontinenz ist sehr oft heilbar.

Trifft die Krankheit vorrangig ältere Menschen?
Nicht unbedingt. Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einer Harninkontinenz. Das betrifft Frauen, Männer und auch Kinder. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Unter den Erwachsenen finden sich auch jüngere Menschen.

Männer sind also ebenfalls betroffen?
Ja. Männer, Frauen und Kinder. Deshalb bieten wir beim Telefonforum Beratung gezielt für diese drei Personengruppen an.

"Bei Männern kann eine Prostataerkrankung der Auslöser sein."

Welche Ursachen hat die Harninkontinenz?
Die sind vielfältig. So kann eine Bindegewebeschwäche dafür verantwortlich sein, Hormonmangel oder eine Beckenbodenschwäche nach einer Geburt. Bei Männern kann eine Prostataerkrankung der Auslöser sein. Weitere Risikofaktoren sind Rauchen und Übergewicht. Es gibt übrigens mehrere Formen der Harninkontinenz.

Welche?
Hauptsächlich treten die Belastungsharninkontinenz, die Drangharninkontinenz oder eine Mischform der beiden auf. Bei der Belastungsharninkontinenz kommt es, wie der Name schon sagt, bei körperlicher Belastung zu Urinverlust, ohne das zuvor ein Harndrang vorhanden war. Bei der Drang-inkontinenz spricht man auch von einer überaktiven Blase. Während wir kräftigen Harndrang aushalten können, kann ein Erkrankter den Urin dann nicht zurückhalten.

Wie kann man helfen?
Zuerst einmal muss sich der Erkrankte öffnen, sich einem Arzt anvertrauen. Zur Diagnostik zählen dann eine Befragung und Untersuchung, eventuell auch eine urodynamische Messung, bei der die Funktion von Blase und Harnröhre untersucht wird. Dann schließt sich die Therapie an. Anspruch ist es, die Patienten zu heilen und ihnen so Lebensqualität zurückzugeben.

Wie sieht die Therapie aus?
Sie reicht von Blasentraining, Beckenbodengymnastik und Elektrostimulation über eine medikamentöse Behandlung und Einlagen für die Scheide bis zu Botex-Injektionen bei Dranginkontinenz und operativen Eingriffen.

"Zuerst einmal muss sich der Erkrankte einem Arzt anvertrauen."

Operative Eingriffe?
Ja. Bei einer Belastungsharninkontinenz kann beispielsweise ein Kunststoffband unter die Harnröhre implantiert werden. Die Heilungschancen liegen dann bei etwa 80 bis 85 Prozent.

Am Mittwoch, 25. Juni, stehen Experten der Stendaler Klinik Rede und Antwort zur Harninkontinenz. Welches Anliegen verbinden sie damit?

Zum einen möchten wir informieren. Zum anderen Erkrankten Mut machen, über ihr Leiden zu sprechen und sich Hilfe zu suchen.