Was für eine Idee! Stendal mit seiner erst ab dem 11. Jahrhundert verbürgten Historie in das europaweite karolingische Geschehen des frühen Jahres 778 einzubinden; ja, sogar den Großen Karl und seinen Neffen und Getreuen, den fränkischen Ritter Roland, in dem altmärkischen Flecken agieren zu lassen - dazu gehört schon einiges an Unverfrorenheit. Die Autoren des Theaterspektakels "Ritter Roland" hatten sie. Na und?

Was sich Regisseurin Cordula Jung, Dramaturgin Aud Merkel, Theaterpädagoge und Choreograf Robert Grzywotz und Jakob Brenner als Musikalischer Leiter da ausgedacht, was sie geschrieben, gedichtet, komponiert und inszeniert haben, kann es mit jedem Opernstoff aufnehmen. Sie haben tatsächliches - oder zumindest glaubhaft überliefertes - Geschehen so geschickt mit Sagenhaftem, Literarischem und rein Phantastischem verwoben, dass man sich von der Liebesgeschichte von Roland und Kunigunde von Stendal mit wachsender Begeisterung ins Schlepptau nehmen lässt.

Endlich hat Stendal sein literarisch-musikalisches Opus, sein eigenes Drama bekommen wie Verona Romeo und Julia und Heilbronn sein Kätchen. Endlich spielt der Roland mal eine Rolle im Stadtgeschehen, außer stumm und reglos auf dem Marktplatz herumzustehen. Aber das Eindrucksvollste an der "Ritter Roland"-Inszenierung des Theaters der Altmark sind die 80 Akteure auf der Freiluftbühne vor und hinter dem Theater, darunter nur eine Handvoll professionelle Schauspieler. Das ist doch, wie heißt er gleich... Der hat ja ganz schön zugenommen... Die war noch nie so gut angezogen wie in diesem Haremsfummel...

Halb Stendal entdeckt man hinter der Maske und in den Kostümen von fränkischen Kämpfern und sarazenischen Kriegern, von robusten Marktweibern, rassigen spanischen Mädchen und leichten Haremsdamen. Sie alle spielen, singen und tanzen mit einer Leidenschaft, die sich sehr bald als helle Begeisterung bei den Zuschauern widerspiegelt. Schade, sehr sehr schade, dass Ritter Roland nur noch zweimal um seine Kunigunde ringen darf. Der ganze Aufwand für ganze vier Vorstellungen? Die kunstvoll auf die Theaterrückwand gesprayten Stadtmauern von Saragossa für eine Eintagsfliege?

Könnte das Spektakel nicht eine Zukunft haben? Wäre es nicht vorstellbar, das Musical als alljährliches Festspiel aufzuführen, wie es zum Beispiel mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" in Salzburg geschieht? Nichts wäre dafür passender als das Rolandfest. Denn der alte Recke hat bisher mit dem Volksfest, das zu seinen Füßen gefeiert wird, nicht mehr gemein als den Namen.