Am Montag übergibt Sieghard Geyhler als Geschäftsführer der Flugplatzgesellschaft Stendal-Borstel den Staffelstab an seinen Nachfolger Matthias Jahn. Er übergibt einen Verkehrslandeplatz, der nicht nur bei Piloten in ganz Deutschland einen sehr guten Namen hat.

Stendal l Ab Montag will er alles etwas ruhiger angehen. "Es ist auch nicht verkehrt, mal selbst über seine Zeit entscheiden zu können", sagt Sieghard Geyhler. Das stellt ihn aber vor einige neue Herausforderung: "Ich muss mir ein Hobby suchen." Eines, das nichts mit der Fliegerei zu tun hat, soll es sein. Bisher stellte sich diese Frage für den 65-Jährigen nicht. "Ich habe mein Hobby zur Arbeit gemacht, meine Arbeit war mein Hobby", sagt der Osterburger und versichert: "Ich fahre auch heute noch jeden Tag gern zum Flugplatz." Denn dort hat er im zweiten Abschnitt seines Berufslebens nicht nur einen Job gefunden, sondern eine Heimat, wie er sagt. Dass dies so gekommen ist, nennt Geyhler heute einen Glücksfall.

In der Nähe von Leipzig geboren, studierte er Agrochemie und Pflanzenschutz. Der Liebe wegen zog er in die Altmark, arbeitete im Agrochemischen Zentrum Tangerhütte. "Dort kam ich mit der Fliegerei zusammen", erinnert sich der 65-Jährige. Er koordinierte den Einsatz der Agrarflieger. Die Lust, selbst eine solche Maschine zu fliegen, war geweckt. Er bewarb sich 1974 bei der Interflug und wurde Agrarflieger. Das blieb er bis 1991, zumeist stationiert in Goldbeck. Die Wende brachte eine abwechslungsreiche Zeit. Im Altkreis Osterburg bearbeitete er in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme die Altlastenerfassung, dann war er in der Rettungsleitstelle Osterburg eingesetzt.

Ab 1992 bot er vom Borsteler Flugplatz aus ab und zu Rundflüge an. Und auf dem Platz kam es zu einer Begegnung, die der Anfang des besagten Glücksfalls war. Sieghard Geyhler lernte Wolfgang Thomas aus Osnabrück kennen, den Vorsitzenden des 1992 gegründeten Aero-Clubs Stendal. Der Club übernahm den Betrieb des Platzes, sonst gebe es ihn heute vermutlich nicht mehr. Wolfgang Thomas steckte den Osterburger an mit seinen Ideen, seiner Begeisterung für den Platz, seiner Vision, ihn zu einem wichtigen Luftfahrtstandort im Norden Sachsen-Anhalts zu machen.

Sieghard Geyhler sprang gleich hinein ins Boot. "Ich war ja interessiert, weiter etwas in der Luftfahrt zu machen." 1993 begann er über die Arbeitsförderung als Flugsporttrainer auf dem Platz. Und er begann, Veranstaltungen zu organisieren. Am 15. Oktober 1994, beim ersten Tag der offenen Tür, wurden 14000 Besucher gezählt. Am Abend spielte Karat vor nochmals 3000 Gästen. "Das hat uns beflügelt, weiterzumachen."

In den Folgejahren nahmen die Flugbewegungen immer mehr zu. Um das abzusichern, mussten andere Strukturen her. Und so warb der Aero-Club beim Landkreis Stendal und in den Städten

für die Gründung einer Flugplatzgesellschaft. Mit Erfolg: 1997 wurde die Gesellschaft gegründet. Der Sonderlandeplatz wurde zu einem Verkehrslandeplatz mit festen Öffnungszeiten für den Flugverkehr. Sieghard Geyhler, Flugleiter und Beauftragter für Flugsicherheit, wurde im Jahr 2000 zum Geschäftsführer bestimmt.

Am Montag übergibt er diese Aufgabe an Matthias Jahn, der ihn in den vergangenen vier Monaten bereits begleitet hat.

Im Gegenzug wird Sieghard Geyhler in den kommenden Monaten seinem Nachfolger beratend zur Seite stehen. Und als stellvertretender Vorsitzender des Aero-Clubs Stendal, der er seit 1994 ist, wird er weiter für den Flugplatz da sein.

"Jeder muss irgendwann für sich selbst festlegen, wie es weitergehen soll", sagt der 65-Jährige, der aus gesundheitlichen Gründen entschieden hat, den Geschäftsführerposten aufzugeben. Er blicke auf eine "sehr interessante Zeit" zurück, die "auch aufopferungsreich" war. "Ich habe nie im Sommer Urlaub gemacht, habe den Urlaub manchmal gar nicht ausgeschöpft. Ich habe seit 1993 dem Flugplatz zur Verfügung gestanden", sagt er. Das hat ihn aber nicht gestört: "Hier konnte man was gestalten".

Diesen Pioniergeist von vor gut 20 Jahren - "Wir haben nicht bei Null angefangen, sondern bei Minus" - hat sich Sieghard Geyhler bis heute bewahrt. Und wenn er sagt: "Ich habe immer Herzblut reingesteckt", dann hat er damit ebenso Recht wie mit der Feststellung: "Der Platz hat sich kontinuierlich, in kleinen Schritten entwickelt." Die Landebahn wurde ausgebaut, bekam eine Befeuerungsanlage, für Piloten wurden Übernachtungsplätze geschaffen, ein neues Towergebäude wurde errichtet.

Zur Entwicklung gehören auch zahlreiche Veranstaltungen. Flugsportwettkämpfe, Flugtage, Motorsport, Konzerte, VW-Treffen - zwischen April und Oktober ist an fast jedem Wochenende etwas los. Gut für die Akteure und ihre Gäste, gut aber auch für die Einnahmen der Flugplatzgesellschaft. Denn daran muss ein Geschäftsführer bei aller Liebe zur Fliegerei auch (oder besonders) denken. Darum hat er das Ziel, die gewerbliche Fliegerei voranzubringen, nie aus den Augen verloren. Rettungsflieger landen dort ebenso wie Flieger zur Kontrolle von Bahntrassen, die Bundeswehr kommt zur Ausbildung her.

Jüngst waren 110 Segelflieger-Teams zum Altmark-Pokal zu Gast und so begeistert von der Organisation und den Gastgebern, dass sie die Stendaler ermutigt haben, sich als Ausrichter für die Deutsche Meisterschaft der Segelflieger 2015 zu bewerben. Sieghard Geyhler hofft, dass es eine Zusage gibt. Denn eine solche Großveranstaltung setzt das fort, was er immer wollte: "Den Flugplatz bekannter machen." Das ist ihm gelungen. Stendal-Borstel, einer von fünf Verkehrslandeplätzen in Sachsen-Anhalt, ist bekannt und geachtet.

"Unser Ziel war es immer, den Flugplatz so in Schuss zu halten, dass er ins Auge fällt", sagt Sieghard Geyhler. Wenn er sich am Montag mit einem Empfang bei den Wegbegleitern bedankt, dann wird er sicher mehrfach hören: Sieghard, das hast du geschafft.