Stendal l Er war beileibe kein "roter Pastor" und doch der Einzige, der im Januar 1990 dem Ehepaar Honecker eine Bleibe anbot. Als niemand wusste, wohin mit dem gestürzten Staatsoberhaupt - "sämtliche Genossen hatten sich abgewandt" -, musste Uwe Holmer mit sich ringen. Doch für ihn sind die Worte "...vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern", Worte wie sie jeden Sonntag im Gottesdienst gebetet werden, keine leeren Phrasen. Für den Theologen sind diese Zeilen Richtlinien, nach denen er sein Leben lebt.

Vor fünf Jahren schrieb er ein Buch über die zehn Wochen

Und so war klar, natürlich musste er die Honeckers aufnehmen. Aus christlicher Nächstenliebe heraus. Vor fünf Jahren, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, erschien sein Buch "Der Mann, bei dem Honecker wohnte". Seitdem wird er häufig zu Lesungen eingeladen. So auch am Freitagabend von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde in die Katharinen-Kirche.

Der 85-jährige machte den rund 90 Zuhörern gleich zu Beginn eines klar: Der Titel seines Buches ist Programm. Also erzählte er vor allen Dingen aus dem eigenen Leben, aus dem Leben des Mannes, bei dem Honecker wohnte. Er berichtete von seiner Kindheit und Jugend, in der der Grundstock zu seinem festen Glauben an Gott gelegt wurde. Er erzählte von den Ereignissen in frühen Jahren, die ihn vielleicht am meisten geprägt haben. Immerhin sind daraus seine Lebensdevisen entstanden: "Handle nach deinem Gewissen und du bist frei!", "Lebe in Wahrheit!" und "Wo Unrecht geschieht, muss ich handeln!"

Uwe Holmer ist authentisch. Keine Sekunde zweifelt man an seinen Worten, seiner Aufrichtigkeit. Er hat sich an seine Devisen gehalten. Auch wenn ihm das in der DDR in so manche Schwierigkeit brachte. Aber als Theologe hatte er es ja sowieso nicht leicht. Zum Beispiel durfte keines seiner zehn Kinder Abitur machen, trotz guter Noten. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende und die ehemalige Ministerin für Volksbildung trugen an solchen Ungerechtigkeiten Mitschuld. Und ausgerechnet diese Beiden landeten schließlich unter dem Dach von Familie Holmer.

"Es ist schon eine Ironie Gottes! Der Mann, der das Ende der Kirche vorhersagte, hatte am Ende nicht mal mehr ein eigenes Bett." Nur eines im Pfarrhaus in Lobetal. Die Hoffnungsthaler Stiftung in Lobetal, eine diakonische Einrichtung für pflegebedürftige Menschen, schien der geeignetste Ort, denn in einer "normalen" Wohngegend befürchtete man Übergriffe durch aufgebrachte Bürger. So wurde Lobetal für kurze Zeit wieder zu dem, was es 1905 ursprünglich war: Eine Kolonie für obdachlose Berliner. Vermittelt durch DDR-Staranwalt Wolfgang Vogel, den Honeckers gebeten hatten, bei der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg um Asyl zu bitten.

Es gab Drohungen und einen Medienrummel

Auch in Lobetal gab es Drohungen, Beschimpfungen, Medienrummel. Normales Leben war kaum möglich, doch bei seltenen Spaziergängen konnte Holmer Gespräche mit seinen Gästen führen. "Honecker war kein brutaler Mensch. Er war ein fanatischer Mensch. Wenn ich von christlichen Dingen erzählte, schwieg er. Oder sagte: Wenn Sie das so meinen..." Nach zehn Wochen wurde Honecker in das sowjetische Militärhospital in Beelitz gebracht. "Ich würde es immer wieder tun!", sagt der Pfarrer im Ruhestand. Er glaubt an die Botschaft der Vergebung.