Die EU überprüft derzeit die Notwendigkeit des deutschen Meisterbriefes für den Berufszugang. In einigen Gewerken wurde die Qualifikation zur Betriebsgründung bereits abgeschafft.

Stendal l "Der Umgang mit dem Kunden ist das A und O in unserem Beruf", sagt Friseur-meisterin Kerstin Prause. Und das setze auch Kundenkontakt in der Ausbildung voraus. Die 51-Jährige ist besorgt, wenn es um die Zukunft des Friseurhandwerks geht, denn die EU überprüft aktuell den deutschen Meisterbrief. "Es wird derzeit die Notwendigkeit für den Berufszugang hinterfragt", erzählt die Friseurmeisterin.

Im Jahr 2003 hatte diese Debatte schon einmal stattgefunden, mit dem Ergebnis, dass in fast 50 Prozent der Handwerksberufe kein Meistertitel mehr notwendig ist, um sich selbstständig zu machen. Prause führt seit 17 Jahren einen Friseursalon im Schadewachten in Stendal und weiß, wie wichtig eine duale Ausbildung - in Berufsschule und Ausbildungsbetrieb - für die Lehrlinge ist.

"Es fängt schon damit an zu fragen, ob der Kunde einen Kaffee möchte."

Kerstin Prause, Friseurmeisterin

"Ohne Meister kann nicht ordentlich ausgebildet werden. In anderen EU-Ländern, außer Österreich, gibt es kein duales Ausbildungssystem", erzählt Kerstin Prause. Die Lehrlinge bekämen zwar die Praxis in den Berufsschulen beigebracht, aber der Kontakt und der Umgang mit dem Kunden fehle. "Es fängt schon damit an zu fragen, ob der Kunde einen Kaffee möchte." Problematisch werde es in ihren Augen beim Schritt in die Selbstständigkeit. "Sollte die Meisterpflicht in unserer Branche wegfallen, könnte jeder Geselle einen Laden eröffnen. Nur ohne Meisterbrief fehlen die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse, um nicht gleich pleite zu gehen."

In der Hand hält die 51-Jährige eine rote Karte vom Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) mit dem Aufdruck "Ja Zum Meisterbrief!". Die Aktionskarten wurden auf Nachfrage an viele Handwerksbetriebe bundesweit über die Handwerkskammern verschickt, um Unterschriften gegen den Wegfall der Meisterpflicht zu sammeln. "Fast jeder Kunde unterschreibt und gibt damit seine Stimme ab."

Bis Februar 2015 werden die Unterschriften von den Handwerkskammern gesammelt, die der EU in einer Veranstaltung präsentiert werden sollen. "Es ist wichtig, dass wir darauf aufmerksam machen. Der ZDH sitzt auch in Brüssel und kämpft für etliche Belange. Ich hoffe auch für unsere", sagt die Friseurmeisterin.

Kreishandwerksmeister Hans-Erich Schulze ist empört und macht sich ebenfalls große Sorgen um die Zukunft des Handwerks. "Im Handwerk heißt es: Wer nicht ausgebildet ist, kann und will auch nicht ausbilden", so Schulze. In Deutschland dauert eine Ausbildung rund drei Jahre. Die Lehrlinge wechseln dabei zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb, was eine "hochqualitative Ausbildung" gewährleiste.

"Zur Betriebsführung gehört mehr, als mit zwei linken Händen zum Gewerbeamt zu gehen."

Hans-Erich Schulz, Kreishandwerksmeister

"Warum versucht man nicht einmal, schwache europäische Nationen an unsere Systeme und Erfolge heranzuführen, anstatt hohe wirtschaftliche Werte zu zerschlagen, um den Berufszugang für andere EU-Staaten zu erleichtern?" fragt Schulze. Würde der Meistertitel abgeschafft werden, könne ja jeder einen Handwerksbetrieb aufmachen, so Schulze. "Zur Betriebsführung gehört mehr als mit zwei linken Händen zum Gewerbeamt zu gehen und eine Selbstständigkeit anzumelden."

Von rund 100 Gewerken im Handwerk bestehe nur noch bei 47 die Meisterpflicht seit der letzten Änderung durch die EU, erzählt Schulze. "Dabei ist der Meister das Rüstzeug, um einen Betrieb leiten zu können. Die Bedingungen in der Wirtschaft sind derart hart, dass ich, wenn ich dass nicht gelernt habe, schnell pleite gehe", bemängelt der Kreishandwerksmeister.

Er glaube nicht, dass in Berufen wie Elektriker oder Autoschlosser die Meisterpflicht gelockert werde, denn daran hängen Menschenleben, so Schulze. "Der Meisterbrief steht für Qualität und Verbrauerschutz, denn gerade die Kunden müssen sich auf die Kompetenz und Sicherheit handwerklicher Arbeiten verlassen können", erzählt Schulze.

"Viele wissen nicht, dass mit dem Meister auch die Qualifikation für ein Hochschulstudium gegeben ist." Rund 60 Prozent der Schulabgänger entscheiden sich bundesweit anstelle einer Ausbildung für ein Studium. Das sei kein gutes Verhältnis und somit auch keine gute Aussicht für die Zukunft des Handwerks."

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