Weihnachten ohne Oratorium ist für viele Menschen nicht denkbar. Der Stendaler Domchor führt es alle zwei Jahre auf, dieses Jahr am 7. Dezember. Der Domkantor erklärt die Besonderheiten und Schönheit dieses beliebten Werks von Johann Sebastian Bach.

Stendal l Das Weihnachtsoratorium zu proben, ist eine Herausforderung für sich. Zahlreiche, typisch Bach`sche Koloraturen lassen die Sänger zuweilen den Überblick verlieren, bei welcher der vielen Achtel- oder Sechzehntelnoten denn man nun gerade ist. Aber die rund 60 Sängerinnen und Sänger des Stendaler Domchors können froh sein, dass sie das Notenbild in modern gedruckter Form vor sich haben: Denn müssten sie sich nach Johann Sebastian Bachs handschriftlicher Originalpartitur richten, gäbe es wohl große Verzweiflung angesichts des schwarz-weißen Wirrwarrs, so eng geschrieben sind die Noten - wie man an der Reproduktion der ersten Seite des Oratoriums in Bachs Handschrift sehen kann (siehe Foto).

"Für die meisten Chorsänger ist das Weihnachtsoratorium schon Routine", sagt Domkantor Johannes Schymalla, der derzeit mit dem Stendaler Domchor für die Aufführung am Sonntag, 7. Dezember, im Festsaal des Stendaler Hotels "Schwarzer Adler" probt. Und doch sei es für sie jedesmal wieder etwas Besonderes, das Oratorium zur Aufführung zu bringen. Alle zwei Jahre ist dies in Stendal der Fall und Johannes Schymalla weiß aus Erfahrung: "Ohne das Weihnachtsoratorium ist für viele Menschen die Weihnachtszeit nicht komplett."

Das Weihnachtsoratorium von Bach, das an den Festtagen zum Jahresende 1734 und Jahresanfang 1735 in Leipzig uraufgeführt wurde, besteht aus sechs Teilen, den Kantaten. "Jede Kantate ist einem Gottesdienst zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem Epiphaniasfest am 6. Januar zugeordnet", erklärt Schymalla. "Sinnvoll wäre es natürlich, jede Kantate einem dieser Festtage entsprechend aufzuführen, aber dann müsste man auch sechsmal das Orchester bestellen." Und das wäre nicht nur organisatorisch schwierig, sondern auch teuer.

Deshalb gibt es am 7. Dezember eine Hälfte des Oratoriums am Stück zu hören. Es werden die erste, zweite und dritte Kantate aufgeführt: "Geburt Jesu Christi", "Verkündigung an die Hirten" und "Anbetung der Hirten". Dies seien die beliebtesten Kantaten aus diesem ohnehin sehr populären Werk Bachs, sagt Schymalla. "Es beginnt mit einem Paukenschlag und Trompeten, die Wirkung ist furios und festlich. Den ersten Choral `Jauchzet, frohlocket` können Laien fast schon mitsingen, so bekannt und eingängig ist er."

Im Weihnachtsoratorium finden sich viele bekannte Choräle und Arien. Der Domkantor findet die Musik - im Vergleich zur kürzlich ebenfalls in Stendal aufgeführten Matthäus-Passion "lieblicher und lyrischer". Die Rezitative, also die Erzählpassagen, seien gering gehalten, der Chor komme gut zur Geltung.

Johannes Schymalla selbst freut sich besonders auf den Beginn der zweiten Kantate: "Eine sehr schöne Passage. Pastorale Musik mit angenehmen Streicherklängen, die durch vier spezielle Oboen noch einen ganz besonderen Klang erhält." Bei der Aufführung im "Schwarzen Adler" wird der Kantor nicht nur den Domchor, sondern auch das Mitteldeutsche Kammerorchester Weimar dirigieren und vier namhaften Solisten ihre Einsätze geben - darunter dem aus Stendal stammenden Manuel Helmeke als Bass.

Dass das Oratorium nicht in sakraler Umgebung im Dom, sondern im Festsaal des Hotels aufgeführt wird, ist für Johannes Schymalla kein Manko. Im Gegenteil: "Die Atmosphäre des Saals ist durchaus geeignet. Natürlich ist die Akustik nicht die gleiche wie in einer Kirche, aber sie ist sehr klar, so dass man auch in den hinteren Reihen alles gut hören und verstehen kann. Außerdem sitzt man warm und bequem."