Gerade erst wurde an der Marienkirche das Löwenportal saniert. Dabei tat sich jedoch ein weiteres großes Problem auf: Die Mauer drumherum ist stark beschädigt. Und auch die Großglocke Maria hat unerwartet Reparaturbedarf. Für die Stadtgemeinde und den Glockenförderverein bedeutet dies zusätzlichen Finanzbedarf.

Stendal l Die Marienkirche ist unerwartet zum doppelten Patienten geworden. Und der müsste auf zwei Stationen behandelt werden: auf der Orthopädie und der Inneren. Denn sowohl der Halteapparat wie auch ein wichtiges Organ sind nicht so ganz intakt.

Das erste Problem tat sich während der Sanierung des Löwenportals im September auf, als brüchige, rissige, verkrustete und veralgte Stellen in den Portalgewänden und -verzierungen beseitigt und behoben wurden. "Parallel dazu hat ein Maurer damit angefangen, kaputte Steine rund um das Portal auszutauschen", berichtet Bärbel Hornemann, Vorsitzende des Fördervereins Glocken St. Marien. "Als die ersten Steine rausgenommen waren, traten große Schäden in der Mauerschale zutage. Die Binderschichten sind zum großen Teil gebrochen."

Gefrierendes Wasser sprengt das Mauerwerk

Schuld ist gefrierendes Regenwasser, das die Verankerung der haltgebenden Bindersteine gesprengt hat. Bevor nämlich vor rund zehn Jahren die Blechabdeckungen am Kapellenbereich zur Marienkirchstraße hin angebracht wurden, sickerte Regenwasser beständig ins Gemäuer. "Die ganze Mauer vom Portal bis zum Winckelmannplatz ist betroffen, die Mauer steht im Prinzip lose."

Jahreszeitlich bedingt gebe es nun nicht mehr genügend Tage am Stück mit einer bestimmten Mindesttemperatur, um die beschädigten Bereiche fachgerecht zu behandeln. "Der Kalkmörtel könnte dann nicht mehr trocknen und wir würden den nächsten Schaden provozieren", sagt Bärbel Hornemann. Die Notsicherung mit stützenden Holzpfeilern und grünem Fangnetz wird wohl nun noch eine Weile zum Straßenbild gehören.

Das größere Ausmaß der Schäden und die damit verbundenen Kosten stellen den Verein vor ein finanzielles Problem. Ganz zu schweigen davon, dass auch auf der Seite zum Kornmarkt hin das Gemäuer von Nässe durchdrungen ist und sich dort höchstwahrscheinlich dasselbe Desaster auftun wird. Die auf den Simsen wachsenden Birken jedenfalls zeugen von Feuchtigkeit im Mauerwerk.

180 Kilo schwerer Klöppel hängt fast lose

Im Inneren der Marienkirche wartet derweil noch Patientin Nummer zwei. Sie erduldet ihren kränklichen Zustand stumm und stoisch. Was bleibt ihr auch weiter übrig - der Glocke mit dem Namen Maria wurde Schweigen verordnet. "Beim letzten Läuten am Kirchweihtag im August war ein störendes Nebengeräusch zu hören", erklärt Bärbel Hornemann. Und wie sich herausstellte, lag dies an der desolaten Aufhängung des Klöppels.

Der mächtige Riemen aus Ochsenleder ist beinahe durchgescheuert und die ihn zusammenhaltende Metallspange gebrochen. "Allein der Lederriemen in dieser Größe und Breite würde an die 800 Euro kosten." Hinzu kämen Aus- und Einbau sowie Transport - alles in allem wären rund 2000 Euro nötig. "Die Reparatur kann ja auch nicht einfach mal so im Turm gemacht werden, der Glockenbauer muss den Klöppel ausbauen und in seine Werkstatt transportieren", erklärt Bärbel Hornemann. Und dieser eiserne Stab wiegt immerhin 180 Kilo, man braucht also spezielles Gerät.

Das Geld für diese unerwartet notwendige Reparatur haben Stadtgemeinde und Förderverein nicht mal eben so zur Verfügung. "Möglicherweise kann die Reparatur für nächstes Jahr eingeplant werden", sagt Pfarrer Joachim Kähler von der Stadtgemeinde vorsichtig. "Der Haushaltsplan ist aber noch nicht aufgestellt."

Nicht dass Maria im Lauf eines Jahres viel zu tun hätte: Diese tiefste Glocke im Geläut von St. Marien kommt nur an hohen Festtagen zum Einsatz, also Weihnachten, Ostern, Pfingsten, am Kirchweihtag im August sowie an Neujahr - und hierbei jeweils in Gesellschaft der anderen drei Großglocken. Allein erklingt sie beim Vorläuten zum Gottesdienst an hohen Festtagen. Ihren Einsatz am Reformationstag hat Maria schon zwangsweise verpasst, als Nächstes würde sie wieder an Heiligabend beim Weihnachtssingen läuten.

Gäste kommen um Marias Klang willen angereist

Dem Laien würde es womöglich gar nicht mal auffallen, wenn sie nicht zu hören wäre. "Aber sie ist die bedeutendste Glocke im Geläut von St. Marien, das wiederum ein Aushängeschild von Stendal ist", sagt Bärbel Hornemann, "an ihren Klang kommen viele andere Glocken nicht heran." Immer wieder kämen Gäste am Kirchweihtag nach Stendal, um Tonaufnahmen von Maria zu machen.

Die 1497 vom bedeutendsten Glockengießer des Mittelalters, Gerdt van Wou, gegossene Maria stehe in ihrer Bedeutung zum Beispiel den Großglocken im Erfurter oder Utrechter Dom kaum nach. "Van Wou konnte so präzise gießen, davor haben die Glockenbauer noch heute Ehrfurcht", sagt Hornemann.

   

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