Mit so vielen Zuhörern hatte Wiebke Stephan nicht gerechnet. Mehr als 50 kamen am Montagabend in den Kapitelsaal des Domstifts zu einem Vortrag mit dem markanten Titel: "Wer die Versöhnung fordert, ist ein Ochs´, wer nicht auf sie hofft, ist ein Esel - Überlegungen zu einem konstruktiven Umgang mit der DDR-Geschichte."

Stendal l Nach der "schon fast erdrückenden Fülle von Veranstaltungen in der letzten Zeit, habe ich mich gefragt, ob da noch jemand kommt!", bekannte Stephan. Der monatliche Gesprächskreis der evangelischen Stadtgemeinde hatte dieses Mal einen in Kirchenkreisen sehr bekannten Redner gewinnen können: Curt Stauss, Pfarrer in Ruhe, Beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Seelsorge und Beratung von DDR-Opfern sowie Studienleiter für Versöhnung an der evangelischen Akademie.

Der gebürtige Cottbuser machte gleich zu Beginn seines Vortrags deutlich, warum es für ehemalige DDR-Bürger so schwer sei, sich über die Vergangenheit zu unterhalten. Zu unterschiedlich hätten Menschen die Zeit vor 1989 erlebt. Während einige sich recht gut arrangiert hätten, seien andere der Überzeugung gewesen, im besseren Deutschland zu leben. Und dann gebe es natürlich diejenigen, die die DDR als Diktatur wahrgenommen und starke Traumatisierungen erlitten hätten.

Stauss zeigte auf, was er für sinnvoll im Umgang mit der Geschichte hält. Destruktiv sind für ihn zum Beispiel die sogenannten Bekenntnisfragen: "Wie nennst du die Zeit von vor 25 Jahren?" oder "Hältst du die DDR für einen Unrechtsstaat?" Fragen, auf die man grundsätzlich keine richtige Antwort geben könne, und die von einer konstruktiven Diskussion ablenkten. Bagatellisierung der Geschehnisse sei ebenfalls nicht konstruktiv, ebenso wenig wie - auf der andern Seite - das Verharren-Wollen in der Opferrolle. Selbstverständlich müssten Opfer des SED-Regimes als solche anerkannt werden, jedoch wäre ein sensiblerer Umgang mit der Sprache wünschenswert. Es werde von "Opferrente" geredet, für die ein Nachweis der "Bedürftigkeit" erbracht werden müsse. Stauss: "Wenn man Bedürftigkeit nachweisen muss, was passiert dann mit so jemanden?" Außerdem seien die Gutachter oft nicht ausreichend psychologisch geschult oder gar zu systemnah.

Konstruktive Bewältigung beinhalte aber auch, dass man Opfer dazu bringe, von einer Fixierung auf die Täter loszukommen. Und auch von Rachephantasien, die es auch im Christentum gäbe, müsse Abstand gewonnen werden. Das wolle der Titel der Veranstaltung ausdrücken: Hoffnung auf Versöhnung bedeute, "dass wir uns mit unserem Urteil über andere kritisch auseinandersetzen".

Curt Stauss´ Vortrag gab viele Denkanstöße, ließ jedoch viel Raum für Versöhnung. So empfahl er zum Schluss einen geschärften Blick, warnte vor einseitigem Links-Feindbild und mahnte, dass die Demokratie durchaus noch ausbaufähig sei.