Stendal l Vor knapp zwei Monaten ist Samuel Ney in Stendal angekommen. Mit dem Zug, zu dieser Zeit war von Streik noch keine Rede. Der erste Eindruck des 19-jährigen Franzosen: "Die Stadt ist gar nicht so groß. Aber klein ist sie auch nicht." Präziser kann er seine Gedanken nicht fassen, denn Samuel Ney steht auf dem fremden Bahnhof einer fremden Stadt und ist allein. "Das war beängstigend", sagt er. "So ganz ohne jemanden an seiner Seite."

Dieser Zustand wird bei Samuel noch eine Weile anhalten, denn der 19-Jährige aus dem beschaulichen Survilliers bei Paris wird knapp ein Jahr in Stendal bleiben und seinen Freiwilligendienst im Winckelmann-Gymnasium leisten.

"Das ist für uns etwas ganz Besonderes", sagt Schulleiterin Anke Bollmann.

"Die Menschen sind sehr aufgeschlossen und haben keine Scheu"

Samuel Ney

"Wann bekommt man schon die Gelegenheit, für seinen Sprachunterricht einen Muttersprachler einzusetzen?" Genau das wird eine der Hauptaufgaben Samuels sein: Neben der Begleitung von Klassen auf Fahrten, Wandertagen und Exkursionen wird der vor allem im Französisch-Unterricht eingesetzt, "um die Schüler mehr für diese Sprache zu begeistern", sagt Anke Bollmann. Ihr schwebt unter anderem ein Literaturprojekt vor, bei dem die Schüler Bücher in französischer Sprache lesen. "Sie dazu zu überreden, ist eine Herausforderung", so Bollmann. "Viele trauen sich da nicht ran. Ich hoffe, dass Samuel sie etwas mehr motivieren kann als ich."

Das hofft Samuel auch, aber er ist zuversichtlich. Bisher fühlt er sich in Stendal gut aufgenommen. "Die Menschen sind sehr aufgeschlossen und haben keine Scheu, mit mir zu reden. Ich habe mit dem Deutschen manchmal schon meine Probleme", gibt er zu. Man mag es kaum glauben, denn Samuel spricht ein sehr gutes Deutsch mit einem charmanten, französischen Akzent. "Aber die Grammatik", ergänzt er, "die macht es mir manchmal sehr schwer." Das ist nur allzu verständlich und geht vielen Deutschen ebenso. "Aber nach dem Jahr wird es schon besser sein", sagt Samuel. Das klingt logisch, denn Samuel wird während seines Aufenthaltes gar nicht anders können, als deutsch zu sprechen. Er wohnt in einer WG ("Gott sei Dank, dann bin ich nicht so allein."). Während seiner Arbeit wird nur deutsch mit ihm gesprochen ("Außer, ich verstehe irgend etwas nicht, dann hilft Frau Bollmann mit einigen Vokabeln nach") und ansonsten muss er sich ja auch verständigen ("Ich muss öfter mal nach dem Weg fragen"), wenn er zurechtkommen will.

Apropos: Hat er Stendal denn schon kennengelernt? "Ja, na klar", sagt er. "Ich gehe sehr viel spazieren, am liebsten am Stadtsee. Aber auch Tangermünde fand ich wunderschön und das Schwimmbad. Das ist ein schönes Bad, für eine kleine Stadt wie Stendal." Auch das Winckelmann-Museum gefällt ihm. Hierher hat er eine Klasse auf einer Exkursion begleitet und war überrascht, mit wie viel Sorgfalt alles hergerichtet wurde. "Aber das sagt man den Deutschen ja nach: Sie seien sorgfältig, ordentlich und machen nie Fehler." Wie bitte - die Deutschen sollen ein fehlerfreies Volk sein? Wie kommt er darauf? "Das ist so ein typisches Vorurteil der Franzosen den Deutschen gegenüber", erklärt er und muss dabei lachen. "Aber es stimmt doch: Die Deutschen achten penibel darauf, alles richtig zu machen. Sie sind auch sehr ökologisch. Der Müll wird getrennt, es wird darauf geachtet, dass viele Sachen wiederverwertbar sind. Das ist schon so. Eigentlich habe ich diese Klischees hier alle bestätigt bekommen. Auch, dass die Deutschen viel Bier trinken, dass habe ich gleich in den ersten Tagen mitbekommen."

Nun ja, es könnte wohl schlimmere Vorurteile geben. Immerhin gibt es im Volksmund das Klischee, die Franzosen würden neben Baguettes und Rotwein vor allem Frösche und Schnecken essen. Samuel Ney muss jetzt richtig lachen. "Die Frösche, stimmt! Das kenne ich auch! Die essen wir ja angeblich auch so gerne." Und? Stimmt`s? "Also ich habe noch nie einen Frosch gegessen. Wir essen auch nicht pausenlos Baguettes. Wobei Rotwein, klar, der wird schon ganz gerne getrunken."