Stendal l "Wirtschaft - Wachstum - Visionen" lautet bislang der Titel der vom Landkreis Stendal und einer Tangermünder Werbeagentur herausgegebenen Wirtschaftsbroschüre. "Lenkt man seinen Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung bietet sich ein breites Spektrum", heißt es im Vorwort des damaligen Landrates Jörg Hellmuth (CDU) in der vor zwei Jahren zuletzt produzierten Auflage.

Offenbar reicht das Spektrum der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit jedoch für eine Herstellung der Broschüre im Landkreis selbst nach Ansicht der Kreisverwaltung nicht aus. Für die im nächsten Frühjahr geplante Ausgabe hat die Kreisverwaltung hier jedenfalls weit geschaut - produziert werden soll das Heft nunmehr von einem Verlag in Nordhorn im Emsland, in unmittelbarer Nähe zur niederländischen Grenze. Sogar die Anzeigenakquirierung erfolgt über eine Beraterin, die im brandenburgischen Premnitz firmiert.

Im Landratsamt wird dies auf Volksstimme-Anfrage mit dem Ergebnis eines "beschränkten Ideenwettbewerbs" begründet: "Der Landkreis Stendal ist an fünf Verlage herangetreten, die bereits erfolgreich Infohefte für Kommunen herausgegeben haben. Vier Verlage haben ein Konzept eingereicht."

Landkreis: "Kein Auftrag" an den Verlag

Diese seien von einer "Kommission aus Dienststellenleitung, Pressestelle und Wirtschaftsförderung des Landkreises" bewertet worden. Das "Gesamtpaket aus Broschüre, Online-Blätterkatalog, Vermarktung der Landkreis-Stendal-Firmen über eine bundesweite Plattform, Geodaten-Referenzierung und zusätzlich angebotener Imagemappe" habe die Jury "am meisten überzeugt".

In der Kreisverwaltung ist man indes bemüht, das Thema tief zu hängen. Der Verlag aus Nordhorn erhielt "keinen Auftrag" zur Erstellung der Broschüre. Vielmehr erstelle er das Produkt "auf eigene Verantwortung und ausschließlich mit eigenen Kräften". Vom Landkreis erhalte der Verlag "lediglich ein Kooperationsschreiben, in dem der Landrat den angesprochenen Firmen mitteilt, dass der Landkreis Stendal dieses Vorhaben befürwortet", heißt es aus der Pressestelle. Zudem gehöre dazu "auch die Erlaubnis", den Schriftzug "Landkreis Stendal" und das Wappen des Landkreises in der Broschüre zu nutzen.

Verlag: Landkreis hat Redaktion über Broschüre

Im Internetauftritt des Landkreises klingt dies jedoch etwas anders: "Wer sicherstellen möchte, dass seine Firma bei der Auswahl der präsentierten Unternehmen berücksichtigt wird, sollte sich direkt an den Landkreis Stendal wenden", heißt es da unter Angabe von Telefonnummer und Mail- Adresse.

In dem Empfehlungsschreiben aus dem Büro von Landrat Carsten Wulfänger (CDU) heißt es in der Schlussformel, dass man sich freue, "wenn wir Ihr Unternehmen in der aktuellen Wirtschaftsbroschüre präsentieren dürfen".

Noch deutlicher wird dies in der Darstellung des Verlages. Dort steht als "Redaktion" für das Wirtschaftsjournal allein der Landkreis Stendal. Namentlich sind dann drei Mitarbeiter der Kreisverwaltung aufgeführt, darunter auch Wirtschaftsförderer Dirk Grempler.

Der Auftrag ist kein kleiner Fisch. "Rund 100 Betriebe" erhalten "hier die Möglichkeit" der Präsentation, so der Landkreis. Ganz billig ist diese "Möglichkeit" nicht. Bis zu 1998 Euro kostet der Platz für eine Seite. Das geht aus einer der Volksstimme vorliegenden Preisliste hervor. Die Auflage wurde indes um die Hälfte auf nur noch 5000 Exemplare gesenkt.

"Da es sich nicht um einen exklusiven Auftrag handelt, steht es jedem Verlag frei, eine gleichartige Publikation herauszugeben", teilt das Land-ratsamt außerdem auf die Fragen der Volksstimme mit. Das hat die Tangermünder Werbeagentur New Color auch vor. Sie wirbt jetzt bei ihren Kunden für die sechste Auflage von "Wirtschaft - Wachstum - Visionen". Rechtzeitig zur Bundesgartenschau soll das Heft fertig sein - in einer Auflage von 10000 Exemplaren.

Verärgerter Ex-Partner: Regional bleibt außen vor

Über den Landkreis wundert sich New-Color-Geschäftsführer Andreas Kunz. Für ihn ist das "ein Beispiel, wie man regional ansässige Unternehmen eben nicht nur nicht fördert, sondern anscheinend Aufträge und Zusammenarbeit gezielt mit der Ferne durchführt".

Dort ist die Konkurrenz nicht unbemerkt geblieben. Zur "Vermeidung von Missverständnissen" betonte die Akquisiteurin des Nordhorner Verlages in der Vorwoche in einer aktuellen Aussendung, dass "das diesjährige Wirtschaftsjournal des Landkreises Stendal" durch sie in Zusammenarbeit mit der Kreisverwaltung entstehe. Eine "zeitgleich angebotene Imagebroschüre" unterliege "nicht der Legitimation durch den Landkreis Stendal", beruft sie sich auf die "Bevollmächtigung" der Kreisverwaltung.