Die Geschichte von Hannelore Saft und Erich Franz ist eine ungewöhnliche. Die beiden Rentner leben seit über einem Jahr zusammen, ohne ein Paar zu sein. Die Gründe fürs Zusammenziehen waren pragmatischer Art.

Holzhausen l Sie verbringen die Tage gemeinsam, essen zusammen, scherzen miteinander, schimpfen auch mal auf den anderen oder streiten. Und sie brauchen sich. Erich Franz und Hannelore Saft sind kein Paar, aber sie leben zusammen. Die beiden Rentner haben sich über eine Anzeige in der Zeitung gefunden. Es war eine Suche, die nichts mit der Sehnsucht nach einer Partnerschaft in Liebe zu tun hatte. Das Ganze hatte eher sachliche Gründe. Und doch ist daraus eine fürsorgliche Beziehung entstanden. Eine, die etwas erzählen kann über Lebensmodelle, die es so vielleicht noch nicht gab - die aber für die nähere Zukunft bedacht werden könnten.

Ihr Zusammenleben, das sie recht zaghaft, aber doch auch bestimmt begannen, entstand ganz aus sich heraus. Mittlerweile jedoch sind Erich Franz und Hannelore Saft eine Art Vorzeigemodell einer Senioren-Wohngemeinschaft, das fast perfekt in die Vorstellungen des in Ostdeutschland umgesetzten Projekts "Leben mit Familienanschluss" (siehe Beitrag unten) passt - eine Alternative zum Leben allein und vor allem zum Leben im Heim.

Erich Franz, an Heiligabend 83 geworden, hat bereits im Heim gelebt. Vor drei Jahren erblindete er nach einem Schlaganfall, seine Frau konnte sich nicht allein um ihn kümmern. Also zog er in ein Pflegeheim in seiner Heimatstadt Burg im Jerichower Land. Wenige Wochen später starb seine Frau - nun war er wirklich allein. Aber dennoch des Lebens nicht müde.

"Ich bin alt, blind und schwerhörig, aber doch kein Pflegefall", sagt er, während seine blicklosen Augen ins Unbestimmte schauen. Mit den anderen Heimbewohnern konnte er "nicht viel anfangen", es seien überwiegend Demenzpatienten gewesen. "Da gab es keine Gespräche. Das habe ich meiner Hausärztin gesagt. Und dass ich raus möchte." Sie gab ihm schließlich den Tipp mit der Zeitungsannonce. Konnte er wirklich annehmen, dass darauf jemand antwortet? Er suchte ja keine neue Frau, sondern einfach jemanden, der ihn bei sich aufnimmt.

Aber mindestens eine las Franz` Anzeige doch mit Interesse. "Ich hatte schon öfter mit dem Gedanken gespielt. Mein Mann war gestorben, die Kinder haben eigene Familien, und ich wollte gern für jemanden da sein, jemanden, den ich versorgen kann", erzählt Hannelore Saft, die ihre Mutter, ihren Mann und einen ihrer Brüder bei sich zu Hause jeweils bis zu deren Tod gepflegt hat. "Außerdem fehlten mir Gespräche. Wenn man allein lebt, verlernt man ja das Sprechen."

"Ich wollte gern für jemanden da sein, den ich versorgen kann."

Hannelore Saft, 67

Mit ihren 67 Jahren ist Hannelore Saft um einiges jünger als ihr Wohnpartner. Ein leichtes Lächeln begleitet ihre Beschreibung dessen, was sie beim Lesen der Anzeige dachte: "Der ist schon älter, das ist das Beste, der macht mir keine Vorschriften." Also hat sie geantwortet, das war im August 2013. Gleich im September ist "Herr Franz", wie sie ihn manchmal liebevoll-mahnend nennt, bei ihr eingezogen. Es gab ein Treffen, zwei Söhne von Erich Franz sind mitgekommen. "Wir haben uns darüber unterhalten, was sich jeder so vorstellt", erzählt Franz. "Wir waren uns dann beide einig, dass Ehrlichkeit und Vertrauen das Wichtigste sind." Auch bei Hannelore Saft kein Zögern, kein Vielleicht oder Mal-sehen, sondern gleich das Gefühl: "Das könnte klappen."

Aus dem Leben des anderen, sagt sie, "wissen wir Bescheid". Nur das mit der Ehrlichkeit hat in einem Punkt nicht ganz hingehauen. "Ich hab` gefragt, ob er alles isst. Da sagte er ja. Und am Ende stellte sich raus: Kein Fisch, kein Huhn, kein Speck. Da hat er mich reingelegt." Damit zieht sie ihn nun immer mal auf. Er lacht dabei schelmisch-verlegen.

Aber Erich weiß, was er an Hannelore hat. "Ich war froh, jemanden gefunden zu haben. Nicht jeder will sich ja einen Klotz ans Bein binden", sagt er nachdenklich und schiebt noch hinterher: "Klar, bin ich manchmal auch schwierig, man ist nicht immer einer Meinung, aber wir kommen gut zurecht." Die Familienangehörigen der beiden haben die etwas ungewöhnliche neue Situation schnell akzeptiert.

"Es muss wirklich passen, das ist die größte Herausforderung dabei", sagt Marion Zosel-Mohr, die das Projekt im Landkreis Stendal über die Freiwilligenagentur Altmark koordiniert. Bei Erich Franz und Hannelore Saft passt es. Beide wollten vor allem nicht mehr allein sein. Aber das allein genügt ja noch nicht für ein gelungenes Zusammenleben. Beide haben einen manchmal herben, aber doch herzlich angehauchten Humor. Beide sind bereit, Kompromisse einzugehen und sich auf den anderen und seine Macken einzustellen. Und beide brauchen und haben nach wie vor ihre Privatsphäre, ihre Freiräume. Herr Franz hat ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bad, Küche und Wohnzimmer werden gemeinsam genutzt.

"Klar, bin ich manchmal auch schwierig, aber wir kommen zurecht."

Erich Franz, 83

Und, ganz wichtig: Keiner ist vom anderen finanziell abhängig oder nutzt den anderen aus. Die Gastfamilie muss und darf außerdem keine Pflege leisten.

Hannelore Saft hilft das neue Leben zu zweit, auch wieder aufmerksamer gegenüber sich selbst zu sein. Sich nicht gehen zu lassen. "Man hat wieder einen geregelten Tagesablauf, das ist schön." Morgens um sieben oder halb acht steht sie auf ("Herr Franz schläft gern etwas länger."), erledigt Dinge im Haushalt, macht für Erich Frühstück, kocht jeden Tag für sie beide.

Er sitzt tagsüber meistens in der Küche. Hier fühlt er sich wohl; in der Licht- und Konturlosigkeit der Welt um ihn herum ist die Küche sein Zuhause im Zuhause. Hier darf er seine Zigaretten rauchen und hier hört er Radio. "Ich interessiere mich viel für Sport und Politik." Während Hannelore Saft dann neben ihm am Tisch sitzt und Kartoffeln schält, diskutieren sie über das, was sie im Radio gehört haben.

Frau Saft wünscht sich nur, Herr Franz würde öfter mal rausgehen. Sie könnte ihn doch am Arm führen. Aber Erich Franz traut sich nicht, sein neues Zuhause auch mal außerhalb des Grundstücks zu erkunden. "Früher war ich viel draußen in Wald und Flur. Aber durch die Blindheit bin scheu geworden." Sein Dickkopf tut das Übrige: "Was ich nicht will, will ich nicht. Und was ich nicht kann, versuch` ich gar nicht erst."

Seit über einem Jahr wohnt Erich Franz jetzt bei Hannelore Saft in Holzhausen. "Naja, das gibt bestimmt Gerede, vielleicht muss das ja alles gar nicht in der Zeitung stehen", sagte sie zu Beginn des Gesprächs noch zögernd. Skeptisch, was andere im Dorf wohl über sie denken. Schließlich ist sie in der Region keine Unbekannte, hat hier 25 Jahre die Post ausgetragen. Aber nun ist es eben so, wie es ist. Herr Franz wohnt bei Frau Saft. Und beide sind damit nicht nur zufrieden, sondern, so scheint es, auch ein ganz kleines bisschen glücklich.