Gehört zu einem Jubiläumsfest wie 850 Jahre Stendal ein Festumzug oder nicht? Das war am Dienstagabend die zentrale Frage, als sich der Kultur-, Schul- und Sportausschuss über die Aktivitäten für den Stadtgeburtstag informieren ließ.

Stendal l Was Stadtjubiläen angeht, sind die Stendaler schon erfahren. 1922 zum Beispiel feierten sie den 900. Geburtstag, basierend auf der ersten urkundlichen Erwähnung des Dorfes Steinedal 1022. Im Jahr 1947 wurde der 950. Geburtstag gefeiert - mit einem Festumzug. Und auch während der Festwoche im Juni 1965, mit der Stendal seinen 800. Geburtstag gefeiert hat - dabei gab die Verleihung des Marktrechtes im Jahr 1165 den Ausschlag - gehörte ein Festumzug zum Programm (Fotos).

Für die diesjährige Feier ist er nicht vorgesehen. "Ein Festumzug ist von Seiten der Stadt nicht gewünscht", sagte Nicole Laupsien vom Veranstaltungsmanagement der Hansestadt Stendal am Dienstag im Kulturausschuss. Eine Aussage, mit der sich viele der Mitglieder nicht so einfach zufrieden geben wollten. Ganz im Gegenteil.

"Ich bin ein Verfechter des Festumzuges. Er ist zwar arbeits-, aber nicht unbedingt kostenintensiv", sagte Ludwig Reinig, für die Linke-Fraktion als berufener Bürger im Ausschuss. "So ein Festumzug ist immer ein Höhepunkt", warb er dafür. Das komplette Ritter-Roland-Ensemble der TdA-Inszenierung, Schützenvereine, Sportler - in der Stadt gibt es nach Reinigs Ansicht viele potenzielle Mitwirkende. "Wir sind die größte Stadt der Altmark, mit einem Festumzug könnte man etwas für die Selbstdarstellung der Stadt tun", sagte Reinig, der selbst viele Jahr im Kultur- und Veranstaltungsbereich der Stadt tätig war. Darum wisse er, dass die Organisation viel Zeit benötige und "dass jetzt schon viel Zeit verstrichen ist". Unterstützung bekam er von Linke-Stadträtin Gesine Seidel. "Wir wollen doch die Menschen nach Stendal holen, dann ist doch auch Kaufkraft da", sagte sie.

"Ich finde es für diesen Anlass nicht notwendig", sprach sich SPD-Stadtrat Herbert Wollmann gegen einen Umzug aus. Dafür sei der Aufwand mit Straßensperrungen, Bereitstellung von Rettungskräften und vielem mehr zu hoch. "Ich halte es nicht für machbar, das innerhalb eines halben Jahres zu organisieren", sagte Wollmann - sollte er zum Rolandfest stattfinden, wären es sogar nur gut vier Monate Vorbereitungszeit. Er glaube auch nicht, so Wollmann, dass wegen eines Umzugs mehr Leute in die Stadt kommen und "sich dadurch die Kaufkraft erhöht".

Zustimmung dafür gab es von CDU-Stadtrat Wolfgang Liebisch. "So ein Umzug kostet schon etwas", andere Aussagen seien "blauäugig". Liebisch, der selbst Groß- und Kulturveranstaltungen organisiert hat und noch immer organisiert, sprach von 25000 bis 30000 Euro, die so ein Umzug - unter anderem wegen der Kostüme - kosten könnte. "Geld, das die Stadt nicht hat. Darum ist für mich das Thema vom Tisch. Ideen muss man auch finanzieren können", sagte er.

Festumzug-Verfechter Ludwig Reinig schreckt das nicht: "Die Finanzierung ließe sich doch eventuell über Sponsoren regeln." Dafür sei es allerdings schon recht spät, räumte er ein. Dennoch sprach er sich weiter für den Umzug aus: "Ich habe schon von Leuten gehört, dass es erwartet und gewünscht wird."

"Vielleicht sollte man sich doch auf anderes konzentrieren", schlug der Ausschussvorsitzende Peter Ludwig (SPD) vor, die Umzugsdiskussion zu beenden. Er, aber auch andere Ausschussmitglieder kritisier-

ten, nicht schon früher in die Pläne und die Vorbereitung des Jubiläumsjahres eingebunden worden zu sein. "Spätestens im Oktober 2014 hätte hier im Kulturausschuss über das Konzept beraten werden müssen. Das ist schiefgelaufen", sagte Ludwig Reinig. Den Vorwurf wollte Nicole Laupsien so nicht stehen lassen: Im Sommer 2014 habe es den öffentlichen Aufruf gegeben, auch in den Medien, dass Ideen und Vorschläge eingebracht werden können. "Da kam nichts", sagte sie.

"Wir haben es gemeinsam verpasst, das Thema gemeinsam anzugehen. Es ist von beiden Seiten verschlafen worden", resümierte Herbert Wollmann.