Goethes "Die Leiden des jungen Werther" feierte am Sonnabend Premiere am Theater der Altmark in Stendal.

Stendal l Der junge Werther ist zunächst sehr glücklich in der neuen Umgebung. Bis seine Seelenruhe gestört wird durch Lotte. Bereits beim ersten Blick trifft es ihn wie einen Blitz. Bald ist es gänzlich um ihn geschehen.

Vorbei ist es mit all der düsteren Traurigkeit und dem Gerede über wohltuende Einsamkeit. Er möchte täglich in Lottes Nähe sein und tollt mit ihren zahlreichen Geschwistern durch Haus und Garten.

Die Tatsache, dass Lotte mit Albert verlobt ist, verdrängt Werther erfolgreich. Doch dann: "Der Bräutigam ist da! Ein braver, guter Mann, dem man gut sein muss." Werther will sich zurückziehen, kann es nicht und leidet. Seine unerfüllte Liebe macht ihn rasend und lebensmüde. Er wählt den Freitod.

Louis Villinger lässt Lotte und Albert agieren

Bei Johann Wolfgang von Goethe schreibt Werther ausführliche Briefe - meist an seinen Freund Wilhelm. Regisseur Louis Villinger und Dramaturgin Cordula Jung haben für die Stendaler Inszenierung einen etwas anderen Weg gewählt. Werthers Berichte haben oft keinen Adressaten, scheinen eher Tagebucheinträge zu sein. Und Lotte und Albert agieren selbst. Anderthalb Stunden sind die drei Charaktere auf der kleinen Bühne, die von Mark Späth lediglich mit drei Stühlen und wenigen, kleinen Requisiten ausgestattet ist.

Die drei Schauspieler sind ganz stark in ihren Rollen. Maik Rogge als sympathischer, ein wenig pedantisch-"verpeilter" Albert. Simone Fulir wirkt als Lotte wahrlich engelsgleich, hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Und natürlich Michael Magel! Ein verliebter, alberner, zorniger, verzweifelter Werther, der seine Gefühle mittels Musik ausdrückt. Denn Magel ist auch ein guter Musiker. Bei Goethe sind es Gedichte und Epen, deren sich Werther bedient, um seinen Seelenzustand zu beschreiben, hier sind es Lieder wie "With or without you" von U2 oder "Creep" von Radiohead. Besonders beeindruckend die Szene, in der Musikbeat und Werthers Herzrhythmus miteinander verschmelzen, Magel/Werther an den Textzeilen Halt sucht, seine Stimme ihm den Dienst versagt.

Wenn man, wie es Villinger getan hat, die Figuren Lotte und Albert agieren lässt, bewahrt das die Inszenierung auf der einen Seite vor zu großer Wortlastigkeit, denn das Publikum hat natürlich auch immer etwas zu sehen. Andererseits wird eine Interpretation der Personen vorgegeben. Ist man sich bei der Lektüre von Werthers Briefen nicht ganz sicher, wie Lottes Gefühle und Handeln einzuschätzen sind - immerhin gibt es nur die subjektive Beschreibung eines schwärmenden jungen Mannes - ist bei Villinger ganz klar: Lotte liebt diesen Werther.

Simone Fulir spielt eine Frau zwischen zwei Stühlen

Fulir spielt diesen Konflikt wunderbar. Eine Frau zwischen zwei Stühlen, die keinem weh tun möchte. Sich jedoch entscheiden muss beziehungsweise es bereits getan hat. Lottes Zerrissenheit und Schmerz, genauso wie Alberts mühsam beherrschte Eifersucht, die bei Villinger von Rogge ausgespielt wird, sind den Leiden des jungen Werthers an die Seite gestellt worden und nehmen dem Frühwerk Goethes die unerträgliche Ich-Bezogenheit.

Eine sehenswerte Inszenierung, tolle Darsteller.

Nächste Aufführungen: Mittwoch, 28. Januar, 10 Uhr, und Freitag, 6. Februar, 19.30 Uhr, jeweils im Rangfoyer des Theaters.