Noch vor wenigen Wochen war es tabu, die Bedeutung des Kulturhauses für die Region öffentlich in Frage zu stellen. Einheitsgemeindebürgermeister Andreas Brohm ging nun in die Offensive.

Tangerhütte l Am Montagabend stellte der Tangerhütter Bürgermeister Andreas Brohm die Mitglieder des Sozialausschusses vor zwei Alternativen: Soll es künftig in der Region kulturelle Vielfalt geben oder aber ein Veranstaltungsangebot, das sich nur nach den Möglichkeiten richtet, die das Kulturhaus bietet? Erhalt und Umbau der Immobilie würden sich nur rechnen, wenn Kunst und Kultur sowie Bildung und Freizeit der gesamten Einheitsgemeinde generationsübergreifend dort angesiedelt werden könnten. Das Haus werde sich auf Dauer nur finanzieren, wenn jeden Tag Kultur geboten werden würde.

Ist das möglich? Würde das Zuspruch finden? Brohm zieht das in Zweifel. Die Vereine aus den 19 Ortschaften, die Macher aus den 19 Ortschaften und nicht zuletzt die Kulturkonsumenten aus den 19 Ortschaften würden ein solches Konzept nicht mittragen. Schließlich habe jedes Dorf seine Traditionen und diese wollen vor Ort gepflegt werden.

Dauerbaustelle verschlingt jedes Jahr Geld

Aktuell sei das Kulturhaus für die Kommune ein Zuschussgeschäft. 2013 seien nur 45 Prozent der Gesamtaufwendungen auch erwirtschaftet worden. Die Tendenz sei fallend, der Zuspruch rückläufig, externe Mieter würden auf Grund sicherheitstechnischer Mängel ausbleiben. Selbst wenn aber die kostenintensiven Brandschutzauflagen erfüllt werden konnten, würde das Haus noch lange nicht den Ansprüchen einer modernen und zeitgemäßen Veranstaltungsstätte genügen. Es bleibe eine Dauerbaustelle, in die jedes Jahr Geld hineingesteckt werden müsste.

Brohm forderte dazu auf, nach Alternativen zu suchen. Zuvor gelte es allerdings Fragen zu klären, "Kultur neu zu denken", wie es der Bürgermeister formulierte und er nannte einige der Fragen: Wie viel Kultur und welche werde verlangt? Gibt es in der Einheitsgemeinde, in den Orten, alternative Räumlichkeiten, die genutzt werden könnten? Kann Kultur privatisiert werden? Welche Fördertöpfe sind anzapfbar? Wie werden förderwürdige Synergieeffekte erreicht?

Auch im Sozialausschuss sprach der Bürgermeister von seiner Vision, das Neue Schloss, den Gartenträume-Stadtpark und die Ruinen der einstigen Gießerei zum kulturellen Mittelpunkt zu entwickeln. Ein Vorhaben dieser Art sei zwar langwierig und könne nur schrittweise verwirklicht werden, allerdings würde sich dadurch die Möglichkeit bieten, das Projekt dem tatsächlichen Bedarf anzupassen. Jedes Jahr könnten Fortschritte präsentiert werden. Etwas Neues würde aus dem Nichts entstehen und Tangerhütte könnte mit einem Alleinstellungsmerkmal punkten.

Brohm, erst kurze Zeit im Amt, setzt eine erste Marke. Er zweifelt daran, dass das Kulturhaus auf Dauer für die Kommune tragbar ist und bricht damit ein Tabu. Noch vor wenigen Wochen hätte sich ein Tangerhütter Bürgermeister an diesem "heißen Eisen" gewaltig die Finger verbrannt. Nach seiner Rede blieb es im Sozialausschuss aber erstaunlich ruhig. Die Stadträte erkannten an, dass hinter den Aussagen eine klare Analyse steckt.

Vom Alten erst trennen, wenn das Neue da ist

Ina Alterberger lobte, dass die bisher emotional geführte Debatte nun versachlicht wird. Auch sie vertrat die Meinung, dass die Stadt, hält sie am Kulturhaus fest, immer "die Kommunalaufsicht im Nacken" haben werde, denn es werde "momentan jede Menge Geld versenkt". Der Gedanke an ein kulturelles Zentrum auf dem Eisenwerksgelände "habe Charme". Aber sei die Kommune in der Lage so etwas auf die Beine zu stellen?

Bodo Strube war froh, dass nun unter neuen Aspekten über die Kulturhaussituation nachgedacht werde. Bisher sei es nur um den Erhalt der Immobile gegangen. Auch er erinnere sich gerne an die Veranstaltungen zu DDR-Zeiten im Kulturhaus. Nach 30 Jahren könne das Objekt nun aber den Bedarf nicht mehr bedienen. "Wir müssen den Mut haben, das Alte in Frage zu stellen." Allerdings müsse erst etwas Neues da sein, ehe sich die Stadt vom Alten trennt.

Jörg Rudowski zollte dem Bürgermeister Respekt für die strategischen Gedanken, auch, weil dieser die Dörfer als eventuelle Veranstaltungsorte ins Auge fasste. Für den sachkundigen Einwohner Ralf-Peter Bierstedt ist dagegen das Eisenwerksgelände denkbar ungeeignet, weil der Erdboden aller Wahrscheinlichkeit nach kontaminiert sei.

Dem widersprach Gerhard Bostell und er berief sich auf Gutachten. Allerdings machte der Tangerhütter Ortsbürgermeister deutlich, dass er sich nur schwerlich vom Kulturhaus trennen möchte. Von vielen Außenstehenden werde die Stadt um ihre Spielstätte beneidet. Brohms Visionen seien verlockend, "aber sind sie auch umsetzbar", fragte Borstell. Der Ausschussvorsitzende Bernd Liebisch erinnerte an den Willen der Bürger. Diese hätten sich schließlich in der Vergangenheit für den Erhalt des Kulturhauses ausgesprochen.