Stendal/Osterburg l Traditionell wird am Aschermittwoch politisch Bilanz gezogen. Was die Bundespolitiker in den Bierzelten können, das machen die Stendaler Lokalpolitiker auf ihre Weise. Auf höchst unterschiedliche Art setzten CDU, Linke und SPD ihre Akzente. Die finale Pointe gelang Klaus Schmotz mit seiner Ankündigung, nochmal sieben Jahre als Oberbürgermeister dranhängen zu wollen.

Linkspartei, Stendal, Katharine, 18.18 Uhr:
Seit Jahren schon ist es bei den Kreislinken Tradition, kabarettistisch aufzuarbeiten, was die kommunal- und weltpolitische Bühne im zurückliegenden Jahr so bot. Dieses Mal geschah das in der Katharinenkirche in Form einer "Presseshow" mit den Top-Journalisten Ulrike Meinwort alias Landtagsmitglied der Linken, Helga Paschke, und Martin Ratlos, in dessen mit Zeitungsseiten behängte Haut der Stendaler Stadtratsfraktionsvorsitzende der Linken, Joachim Röxe, schlüpfte. Nach Herzenslust droschen die beiden auf die Kollegen von der Parteien-Konkurrenz ein, was ihnen bei den Steilvorlagen des vergangenen Jahres nicht schwerfiel.

So sei "eine honorige Jury der CDU, in der auch Schmotz, Kühnel und Güssau saßen, monatelang schweigend ins Gespräch vertieft" auf der Suche nach dem Unwort des Jahres gewesen, zitierte Redakteur Ratlos aus seiner "Volkszeitung". Entschieden habe man sich schließlich für das Wort "Einzeltäter".

Auch Mit-Moderatorin Meinwort von der "Altmarkstimme" wurde im lokalen Blätterwald fündig und las daraus vor, dass immer noch Exemplare der verschollenen Stendaler Briefwahlunterlagen auftauchen. "Es wird vermutet, dass die letzten Exemplare im Sommer in einem Umzugskarton in einem Kleefeld gefunden werden." Kollege Ratlos setzte noch eins drauf: "Immer mehr Stendaler beklagen, dass sie Tinnitus im Auge haben. Sie sehen nur noch schwarze Pfeifen."

"Tief Holger kommt hinten nicht mehr hoch." - Helga Paschke, Linke

Geschossen wurde jedoch nicht nur ins Schwarze. Paschke alias Meinwort verlas eine Gerichtsmeldung: "Nach den jüngsten Äußerungen der Kreispolitikerin Edith Bunt (Name von der Redaktion geändert) zur Gemeinschaftsschule Osterburg verhängte das oberste Gericht zu Stendal die Höchststrafe. Sie muss mit sofortiger Wirkung einfach mal die Klappe halten."

Und zum Schluss der Wetterbericht: "Das über Stendal hängende Tief namens Holger kommt wegen schwerer schwarzer Wolken des Filzes hinten nicht mehr hoch... Ein zum Ende Mai heranziehendes Wählerhoch aber wird für klares frisches Klima sorgen."

SPD, Osterburg, Gaststätte "Zum Kanzler", 19 Uhr:
Fast zeitgleich schleppte Ralf Bergmann (SPD) einen Sack mit geschreddertem Papier in den Osterburger "Kanzler". Vor Sozialdemokraten aus der gesamten Altmark, die sich dort zum politischen Aschermittwoch trafen, spielte der Landtagspolitiker auf die Vernichtung von Ordnern mit Beweismaterial im Stendaler Sparkassen-Skandal in der Asservatenkammer der Magdeburger Staatsanwaltschaft an. Immerhin sei dank der gründlichen Schredderarbeit das Stendaler Bankgeheimnis gewahrt worden, nahm Bergmann die Panne auf die Schippe.

"Teufelin" Marina Kermer, die passend zur Regierungskoalition in der Bundeshauptstadt in schwarz-rot gekleidet war, ging ebenfalls auf das Stendaler Geldinstitut ein, nahm sich aber auch die schwarze Politkonkurrenz vor. Wie den CDU-Landesvorsitzenden und Verkehrsminister Thomas Webel. Der habe bei der Autobahn keinen Plan, befand die Bundestagsabgeordnete. "Denn die Auflagen waren früh bekannt, er aber ist lieber zu Demos gerannt".

Webels Ministerkollege Stephan Dorgerloh outete sich als "preußischer Protestant", der vor dem Aschermittwoch in Osterburg zum letzten Mal Fasching gefeiert habe, "als die Kinder um mich herum Halstücher trugen". Der Kultusminister bat auch um Verständnis, dass der Landtagsabgeordnete Tilman Tögel nicht bei dem närrischen Kehraus dabei sein könne.

"Seminar für Christdemokraten, Thema: Warum darf ich eine Wahl nicht fälschen?" - Kultusminister Stephan Dorgerloh, SPD

"Schuld daran ist ein Seminar, das Tilman Tögel heute in Stendal für organisierte Christdemokraten gibt. Das Thema: Warum darf ich eine Wahl nicht fälschen?" Dorgerloh schwärmte von der Altmark, in der er zuletzt auch zwei große Theatertalente entdeckt habe. Bei dem einen würde es sich um den Stendaler Theater-Intendanten Alexander Netschajew handeln, das noch größere Talent sei aber Edith Braun, kommentierte der Minister launig.

Nach einen Seitenhieb auf die AfD ("Alte Herren für D-Mark") nahm Dorgerloh den "Dumpfsinn von Pegida, Legida, Magida und allen anderen -idaisten" aufs Korn. Ralf Bergmann griff den Faden auf. "Bei dem Islam der Widerstand, der endet meist am Dönerstand", scherzte der Landtagsabgeordnete.

CDU, Stendal, Hotel "Schwarzer Adler", 19 Uhr:
Viel zu lachen hatten die rund 150 Besucher bei der CDU im Festsaal im "Schwarzen Adler" nicht. An einer Hand abzuzählen waren die Pointen des Abends. Angesichts der Wahlfälschungsvorgänge aus den eigenen Reihen wäre ausgelassener Humor wohl auch zu viel verlangt gewesen.

Mit Verlegenheitshumor versuchte es daher Hardy Peter Güssau, als es dem Gastredner und Wirtschaftsminister Hartmut Möllring zwei Flaschen Wein in einem Karton überreichte. "Es ist so eine Sache, wenn man in diesen Zeiten in Stendal mit einem Karton herumläuft", sagte Güssau und spielte damit auf die Wahlpanne im Rathaus an, wo kürzlich nach Monaten alte Wahlunterlagen in einem Umzugskarton wieder aufgefunden worden waren.

Minister Möllring referierte in äußerst humorfreier Weise das Thema "Hier trifft Forschungsexellenz auf Unternehmergeist", lobte die sinkenden Arbeitslosenzahlen und verwies auf 50 Weltmarktführer aus Sachsen-Anhalt. "Die kennt ja bloß kaum einer", sagte der Minister.

Immerhin war Möllring wenigstens unfreiwillig komisch, als er sich bei "Hardy Krüger" für die Einladung nach Stendal bedankte und die Peinlichkeit damit überspielte, in dem er darauf verwies, dass der große Helmut Kohl stets einen Spickzettel am Rednerpult hatte, auf dem der Ort, in dem er sich gerade befand, und der Name des örtlichen Ansprechpartners geschrieben stand.

Als die CDU-Anhänger - unter ihnen Landrat Carsten Wulfänger und der Bundestagsabgeordnete Jörg Hellmuth - sich nach gut einer halben Stunde dröger Kost auf ein zumindest etwas feuchtfröhliches Nachspiel einstellten, kündigte Hardy Peter Güssau noch "eine kleine Überraschung" an. Die Pointe des Abends gehörte Klaus Schmotz: "Ich bin gerne Oberbürgermeister und möchte es auch bleiben." Wenigstens der stehende Applaus war nicht ganz so gequält wie der Rest des Abends.

 

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