Probleme drohen der Familie über den Kopf zu wachsen. Kinder kommen mit neuen Konstellationen in der Familie nicht klar. Bezugspersonen für sie fallen plötzlich weg. All das sind Situationen, in denen Hilfe willkommen sein kann. Die Erziehungs- und Familienberatung des Paritätischen bietet sie an.

Stendal l Lennard liegt in seinem Bett. Er kann nicht schlafen. Nebenan im Wohnzimmer streiten seine Eltern, leise zwar, der Junge soll ja nicht wach werden, aber Lennard hört es trotzdem. "Dann geh doch. Hau endlich ab", zischt Mama. Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Papa ist weg. Wie schon ein paar Mal in den letzten Wochen. Kommt er wieder, oder ist es dieses Mal für immer? Lennard zieht sich die Decke über den Kopf, doch die Angst will nicht verschwinden.

Am nächsten Morgen in der Schule. Lennards Lehrerin hat schon vor Tagen gemerkt, dass etwas mit dem Jungen nicht stimmt. Der Zehnjährige schaut aus dem Fenster, erschrickt, als ihn die Lehrerin anspricht, kann ihre Frage nicht beantworten. Mit dem Pausenklingeln nimmt sie den Jungen zur Seite. "Was ist los, hast Du Probleme?" Lennard zögert. Was soll er sagen? Wie soll er es sagen? Und überhaupt, gepetzt wird nicht! Er wendet sich ab, läuft auf den Schulhof. Nicht zu seinen Freunden wie früher, in eine Ecke hinterm Haus. Seine Hand schlägt auf die Ziegel, immer wieder, bis es weh tut. Papa soll nicht gehen!

Tags darauf bittet die Lehrerin Lennards Eltern um ein Gespräch, erzählt, wie der Junge sich verändert hat, dass er offenkundig leidet. "Mein Sohn? Das kann nicht sein", sagt Lennards Vater. Seine Mutter sagt nichts. Eine Träne rollt ihr über die Wange. Die Lehrerin verabschiedet sich, hält den Eltern einen Flyer hin. "Wenn sie wollen. Ist völlig unverbindlich." Wortlos greift Lennards Mutter zu.

Neun von zehn Beratene kommen wieder

So oder ähnlich spielen sich die Geschichten ab, an deren Ende im günstigsten Fall das Telefon von Marion Magerin klingelt. Sie leitet die Erziehungs- und Familienberatung des Paritätischen in Stendal, zu der jener Flyer den Weg weist.

In der Regel kommt ein Elternteil beim ersten Besuch allein. "Was führt sie zu uns?" Marion Magerin bittet ihr Gegenüber, zu erzählen. "Da kommt dann einiges, aber nicht alles. In diesem Fall (ein erfundener,d. Red.) - hätte die Mutter wohl erst einmal geschildert, was die Lehrerin ihr berichtet hat", weiß Magerin aus Erfahrung. Behutsam würde die Beraterin dann versuchen, in die familiäre Situation einzutauchen. "Immer nur soweit, wie es mein Gegenüber zulässt." Der erste Schritt sei es, das System Familie dieses individuellen Falls kennenzulernen, zu erfahren, aus welcher Perspektive die Eltern die Situation erleben. "Da kann die Sicht der Mutter ganz anders sein , als die des Vaters", sagt die Beratungsstellenleiterin.

Je nach Gesprächssituation bittet sie oder eine ihrer Kolleginnen das Elternteil, sich vorzustellen, was ihr Kind sagen würde, säße es an ihrer Stelle in diesem Moment in der Beratungsstelle. Weiter geht der erste Kontakt selten.

Im Optimalfall gibt es ein weiteres Treffen. "Das entscheiden die Eltern selbst und völlig frei. Aber Gott sei dank haben wir viele Wiederkommer. Neun von zehn kommen zum zweiten und zu weiteren Gesprächen." Und ebenfalls sehr oft sitzen die betroffenen Kinder dann mit am Tisch. Um sie geht es den Beraterinnen in erster Linie. Für sie versuchen sie Wege aufzuzeigen, die das Kind aus der für sich so belastenden Situation herausführen.

Das gelingt nicht immer. Marion Magerin: "20 Prozent der Beratenen sagen: Ja, durch die Beratung konnten wir das Problem lösen. 60 Prozent räumen ein, dass sich die Konfliktsituation für das Kind durch die Beratung verbessert hat." Das sind zwar statistische Aussagen der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, aber: "Die treffen auch für unsere Beratungsstellen in Stendal, Osterburg und Havelberg zu", so deren Leiterin.

Vier Fachfrauen - ein kompetentes Team

Gründe, warum diese Beratung gesucht wird, sind nicht nur Probleme wie das hier fiktiv geschilderte. Knapp die Hälfte der Fälle, in denen Marion Magerin und ihre Kolleginnen - die Psychologin Viktoria Schaumann, sowie die Sozialpädagoginnen Birgit Jaenecke und Catarina Meger - im vergangenen Jahr um Hilfe gebeten wurden, haben ihre Ursachen in solchen Belastungen, die Kinder durch familiäre Konflikte ertragen müssen. Im vergangenen Jahre waren es 124 der 273 Fälle.

Beratung bieten Marion Magerin und ihr Team zum Beispiel auch an, wenn junge Menschen Schwierigkeiten haben, den Leistungsanforderungen in Schule oder Beruf zu entsprechen, wenn Kinder oder Jugendliche unter Ängsten und Zwängen leiden, bei Auffälligkeiten im sozialen Verhalten, wenn Bezugspersonen für Kinder oder Jugendliche plötzlich nicht mehr da sind, wenn Eltern mit der Erziehung überfordert sind...

Wer es genau wissen möchte, kann sich vertrauensvoll an eine der Beratungsstellen (siehe Info-Kasten) wenden.