Stendal l Zwei und vier - diese Zahlenkombination ging für das Jahr 1990 in die Geschichtsbücher ein. Als Kombination mit einem Plus dazwischen steht es im internationalen Geschichtsbuch für den Vertrag, der die deutsche Einheit besiegelt hat. Im regionalen Geschichtsbuch der östlichen Altmark (heute Landkreis Stendal) stehen beide Zahlen für die vier Männer aus zwei Parteien, die weitgehend politisch unerfahren den Schritt auf die große Politbühne gewagt haben: Gerd Gies aus Stendal und Walter Fiedler aus Seehausen für die CDU, Reinhard Weis und Volker Stephan (beide Stendal) für die SPD. Über die Bezirkslisten ihrer Parteien zogen sie am 18.März 1990 in die zehnte Volkskammer der DDR ein.

"Es erfüllt mich noch heute mit einer gewissen Freude, dass ich dabei war", sagt Gerd Gies. Am Wahltag war die Freude ganz besonders groß, "denn nach den Prognosen hatte ich gar nicht damit gerechnet, gewählt zu werden", erinnert sich der heute 71-Jährige, der zum damaligen Zeitpunkt gerade ein paar Wochen Vorsitzender des neugegründeten CDU-Landesverbandes war.

Wahlkampfparty mit Fernsehinterview

Erst am Wahltag bekam er eine Einladung nach Berlin, ins damals bekannte Café "Ahornblatt". "Dort lief dann eine Art Talkrunde und ich wurde auf die Bühne gebeten. In dem Moment kam die erste Hochrechnung rein, und ich wurde vom Fernsehen gleich als Erster zum Ergebnis befragt", erzählt Gerd Gies, der heute in Berlin lebt. Für ihn bedeuteten die folgenden Monate immer einen Spagat zwischen dem Amt des CDU-Landesvorsitzenden und der Arbeit als Abgeordneter der Volkskammer. Am Ende fiel seine Entscheidung für die Landespolitik: Im Oktober 1990 wurde der Tierarzt erster Ministerpräsident im neugebildeten Land Sachsen-Anhalt und blieb dies bis Anfang Juli 1991. Was ihm von der Volkskammer besonders in Erinnerung geblieben ist? "Politik wurde viel emotionaler betrieben", antwortet Gerd Gies.

Seine Zukunft in der Bundespolitik hingegen hat Reinhard Weis gesehen. Als er in den Wendemonaten kritisch auf seinen Arbeitsplatz als Energetiker im Dauermilchwerk Stendal-Genthin geblickt hatte und ihm bewusst geworden war, dass es wirtschaftliche Veränderungen geben wird, fasste er seinen Plan: Ich versuche meinen Weg als hauptberuflicher Politiker.

Mit dem mitgliederstarken Stendaler Ortsverein im Rücken bewarb er sich um einen Platz auf der SPD-Liste im Bezirk Magdeburg - und hatte am Ende Erfolg. Wenn der heute 66-Jährige von sich und den sieben anderen SPD-Abgeordneten aus dem Bezirk Magdeburg als "gute Mannschaft" spricht, dann mit Blick auf deren Berufserfahrungen: Viele waren politisch unerfahren, brachten aber ein reiches Fach- und Sachwissen mit.

Das von Reinhard Weis lag im Bereich Energie und Umwelt, und darum wurde er im Fachausschuss, in einem Arbeitskreis und in seiner Fraktion zur "Stimme", wenn es um diese Themen ging. Dass er damals seinen Beitrag leisten konnte, die Biosphärenreservate dauerhaft zu sichern, und dass das Kommunalvermögensgesetz (Stichwort kommunale Energieversorgung) "ein bisschen meine Handschrift trägt", erfüllt ihn noch heute mit Stolz. Die Volkskammer-Zeit hat bei dem Stendaler Lust geweckt, der Bundespolitik treu zu bleiben. Dank erfolgreicher Wahlen war er von 1990 bis 2005 Abgeordneter des Deutschen Bundestages.

Erste Rede am Tag des Kohl-Besuches

Wie Weis gehörte dessen Stendaler Parteifreund Volker Stephan zu den 144 Volkskammer-Abgeordneten, die nach Ende des letzten DDR-Parlaments bis zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl in den Bundestag entsandt wurden. Bauen und Wohnen, das waren immer seine Themen. Darum stellte Volker Stephan in seiner ersten Volkskammer-Rede für die SPD-Fraktion das neue Raumordnungsgesetz vor - ausgerechnet an dem Tag, an dem Kanzler Helmut Kohl das Parlament besucht hat. "Darum ist mir das in Erinnerung geblieben. Er ist aber gegangen, kurz bevor meine Rede begann", erzählt der heute 76-Jährige, der später von der Bundes- in die Kommunalpolitik wechselte. Der Tierarzt war von 1994 bis 2001 Stendaler Oberbürgermeister.

Zurück in die Heimat Seehausen und zurück in den Beruf als Notfallmediziner ging Walter Fiedler. Die Erfahrungen der Volkskammer-Zeit und die aus den Bundestagsmonaten - auch er gehörte zu den 144 - möchte der Christdemokrat aber nicht missen. "Es war die aufregendste Zeit meines Lebens. Es hat mich unheimlich geprägt und mir gezeigt: Wenn man Rückgrat beweist, kommt man zu Erfolgen", sagt der 70-Jährige, der damals am DDR-Rettungsdienstgesetz mitgeschrieben hat. Seite 16

   

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