Am 18. März 1990 wurde die letzte Volkskammer der DDR gewählt. Vier Männer aus dem heutigen Landkreis Stendal gehörten zu den Abgeordneten. Für die Volksstimme erinnern sie sich an die bewegte Zeit. Heute: Walter Fiedler (CDU).

Seehausen l "Wenn ich in eine Partei eintrete..." Walter Fiedler beendet den Satz ganz selbstverständlich so: "... dann möchte ich mich auch einbringen." So hat es der Mediziner aus Seehausen seit 1974 gehalten, als er vor dem SED-Werben in die CDU "geflüchtet" ist, wie er selbst sagt. Bei den Christdemokraten hat der heute 70-Jährige, der immer kirchlich gebunden war, seine Partei-Heimat gefunden. Das mit dem Einsetzen, wenn er etwas übernimmt, gilt ebenso für sein politisches Engagement - auf kommunaler Ebene, aber auch für den kurzen Abstecher auf die große Politbühne.

Denn in den bewegten Wendemonaten fasste Walter Fiedler einen Entschluss: "Das ist deine Chance, etwas zu verändern. Ich möchte dabei sein." Und so bewarb er sich als Vertreter des CDU-Kreisverbandes Osterburg für die Bezirksliste seiner Partei - und schaffte es auf Platz zwei. "Damit war schon klar, dass ich dabei bin", erzählt er: "Mir war aber nicht klar, worauf ich mich einlasse." Dass es ein Vollzeitjob sein wird, hatte er nicht erwartet. "Ich hatte die naive Vorstellung: Du fährst einmal in der Woche nach Berlin", erinnert sich der 70-Jährige.

Doch die Monate nach der Wahl im März verliefen anders. Denn in Berlin wurde sehr intensiv gearbeitet. Manche Sitzung dauerte bis in die Nacht. Von Montag bis Freitag war er Abgeordneter der Volkskammer. "Am späten Freitag ging es dann zurück, weil ich am Wochenende im Krankenhaus Dienst hatte." Dort arbeitete Dr. Walter Fiedler als Notarzt, Anästhesist und in der Intensivmedizin. Einmal ging die Plenarsitzung in Berlin bis 2 Uhr morgens am Sonnabend, fünf Stunden später trat er seinen Dienst im Krankenhaus an. Zu den Sonnabenden in Seehausen gehörten auch die Vormittagsbesuche von Osterburgs Landrat Karlheinz Mewes, der sich über Aktuelles informieren ließ. Manche Arbeitstage hatten 16 Stunden.

Wie lange die zehnte Volkskammer dauern wird, war ihm und vielen anfangs nicht klar. Dass nach einem halben Jahr schon Schluss ist, "damit hat aber keiner gerechnet", sagt Walter Fiedler. Er selbst hatte an etwa zwei Jahre für den Übergang gedacht. "Aber allen bei der CDU war klar: Was wir erreichen wollen, ist die Wiedervereinigung." Bevor die am 3. Oktober kam, lag noch eine Menge Arbeit vor den Abgeordneten. Auch wenn die Volkskammer von vielen, auch Kanzler Helmut Kohl, als "Laiengruppe" belächelt wurde, "haben wir eine umfangreiche Arbeit geleistet", sagt der Seehäuser. Unter Arbeitsbedingungen, die er als "brutal" bezeichnet. Im April fand die konstituierende Sitzung statt, aber erst im Juni gab es Büroräume. "Bis dahin haben wir im Palast der Republik auf dem Flur gesessen, den Aktenkoffer auf den Knien, und über Gesetze beraten", erinnert sich der Christdemokrat. Und für alle CDU-Abgeordneten stand nur ein Kopierer zur Verfügung.

Stichwort Gesetzesarbeit: "Das waren Dinge, die für uns neu und unbekannt waren. Aber auch eine Verpflichtung, sich damit auseinanderzusetzen." Die Auseinandersetzung fand außerdem innerhalb des Parlaments über die Biografien der Abgeordneten statt. Fiedler: "Es war schon erschreckend, wie viele Abgeordnete bei der Stasi waren", sagt der 70-Jährige.

Seine thematische Heimat in der Volkskammer fand Walter Fiedler im Ausschuss Gesundheit und Sozialwesen, er war stellvertretender Sprecher der CDU-Fraktion. Am Krankenhausfinanzierungsgesetz hat er mitgearbeitet, das neue DDR-Rettungsdienstgesetz hat er erarbeitet. "Das war mein Metier", sagt Fiedler und erinnert sich an ein Treffen mit Wolfgang Schäuble, damals BRD-Innenminister, und Günther Krause, Parlamentarischer Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR. "Beide legten mir fünf Rettungsdienstgesetze auf den Tisch und sagten: Nun machen Sie mal ein Gesetz für die DDR." Und er machte es. "Ich behaupte, es war das beste Rettungsdienstgesetz, das Deutschland je hatte", sagt Walter Fiedler. Das sagt er, weil viele Kollegen es ihm bestätigt haben. Seine erste Rede vor der Volkskammer hat er zum Krankenhaus-Finanzierungsgesetz gehalten. Es folgten neun weitere. "Zehn Reden in den paar Monaten, das schaffen heute manche Abgeordneten in der ganzen Legislaturperiode."

Der Seehäuser arbeitete aber auch im Waldheim-Sonderausschuss, der sich mit der Verstrickung von Staatssicherheit und Psychiatrie beschäftigt hat. Leider sei die Aufarbeitung im Sande verlaufen, beklagt Fiedler. Auch nach seinem Wechsel nach Bonn - er gehörte zu den 144 Volkskammer-Abgeordneten, die ab 3. Oktober 1990 für einige Monate dem Bundestag angehörten - war er in der Sache aktiv. Denn in Bonn wurden die Ostdeutschen "rumgereicht wie irgendwelche Exoten". Bei einem der abendlichen Empfänge kam Walter Fiedler mit dem Chefredakteur der Tageszeitung Bonner Generalanzeiger über das Waldheim-Thema ins Gespräch, "und schon am dritten Tag in Bonn stand ich auf der Titelseite". Daraus folgten "eine Privataudienz" bei Kanzler Kohl und Bundespräsident Richard von Weizäcker, anschließend ein Besuch in Waldheim. Das war es dann aber. "Ich bin noch heute der Meinung, dass das Thema nicht aufgearbeitet wurde."

"Wenn man Rückgrat beweist, kommt man auch zu Erfolgen"

Mit den Bonner Tagen kam für den Seehäuser die Ernüchterung, dass die politische Arbeit im Bundestag eine andere sein wird als die in der Volkskammer. Diese Erkenntnis hat er nicht zuletzt aus einer Begegnung mit Alfred Dregger, damals CDU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, gewonnen. Der habe ihm unter anderem das Verhalten bei Abstimmungen erklärt mit der Vorgabe, acht Tage vorher der Fraktionsspitze mitzuteilen, wenn er anders als die Mehrheit abstimmen möchte. Das hatten wir doch früher alles schon einmal, sagte sich der Seehäuser und verabschiedete sich von der Bundespolitik. Er ging zurück in seinen Beruf als Arzt.

Dennoch möchte er die Monate in Berlin und Bonn nicht missen. Sein Fazit: "Es war die aufregendste Zeit meines Lebens. Es hat mich unheimlich geprägt, ich habe viele Einblicke gewonnen." Zu dem, was er gelernt hat, zählt die Erkenntnis: "Wenn man Rückgrat beweist, kommt man auch zu Erfolgen."

Der 70-Jährige berichtet heute gern über die spannende Umbruchzeit und die letzte Volkskammer der DDR vor Schülern. "Das sollte Aufgabe aller ehemaligen Abgeordneten sein, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Denn es war eine wichtige Zeit in der deutschen Geschichte", sagt der Christdemokrat, der auch Mitglied im Verein der ehemaligen Abgeordneten von CDU und Demokratischer Aufbruch ist.

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