Stendal l "Es ist so traurig, wenn man das hier alles sieht", sagt Nadine Lazik. Die Stendalerin steht auf dem Parkplatz des ehemaligen Supermarktes Kaisers in Stendal Süd. Vom Geschäft ist nichts mehr zu erkennen. Ortsunkundige würden es nicht finden. Nadine Lazik ist aber nicht ortsunkundig. Sie ist in diesem Stadtteil aufgewachsen. Genauer gesagt in der ehemaligen Grundschule Astrid Lindgren, denn ihr Vater war hier Hausmeister.

"Auf einmal wurde das so anders hier."
Steffi Strittmatter

Steffi Strittmatter findet den Weg zum ehemaligen Parkplatz sofort. Auch sie ist hier aufgewachsen. "Wir haben alle hier gewohnt, sind hier zur Schule gegangen, haben hier unsere Freizeit verbracht" sagt sie und meint damit ihren Freundeskreis. "Man brauchte ja auch gar nicht woanders hin, weil man hier alles hatte. Und auf einmal wurde das so anders hier. Das ging so schnell, als ob einer einen Schalter umgelegt hätte, und die Welt hat sich von jetzt auf gleich zum Negativen verändert."

Der Stendaler Stadtteil Süd war einst der Stolz der sozialistischen Politik. Entworfen, um den Mitarbeitern des Kernkraftwerkes bei Arneburg ein Zuhause zu schaffen, wurde 1984 der erste Bebauungsplan vorgelegt. Drei Jahre später konnten die ersten 66 Wohnungen übergeben werden. Die Nachfrage ist so groß, dass neben den Wohnungen auch Kindertagesstätten, Schulen, Ärzte, Apotheken, Einkaufsmärkte und Freizeiteinrichtungen für die Jugendlichen entstehen.

Nadine Lazik und Steffi Strittmatter haben für den Spaziergang durch Süd ihre beiden Kinder Lainie (2) und Emil (5) mitgebracht. "Nur leider können wir ihnen nicht mehr zeigen, wo wir groß geworden sind, weil nichts mehr da ist bis auf die paar Blöcke." Gerne würde Nadine Lazik ihrer Tochter die Grundschule zeigen, in der sie aufgewachsen ist, aber die ist nicht mehr da. Nadines Vater war hier Hausmeister. Zum Gelände gehörte noch ein Garten, den die Familie bewirtschaften konnte. "Das war meine ganze Welt", sagt sie. "Süd war wirklich eine Welt für sich. Den Rest der Stadt brauchten wir eigentlich nicht."

"Es war so ruhig hier, so idyllisch."
Nadine Lazik

Spielplätze vor der Haustür, der Jugendclub gleich um die Ecke, nicht zu vergessen der Spätverkauf, bei dem sich Steffi Strittmatter morgens vor der Schule Süßigkeiten gekauft hat. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Übrig geblieben sind noch die Ruinen des Arbeitsamtes. Drohend klaffen kaputte Fenster wie offene Münder auf die Vorübergehenden herab. Lainie und Emil schauen skeptisch auf das, was heute eigentlich nur noch eine Ruine ist.

"Aber gruselig war das schon immer", sagt Nadine Lazik. "Es hat hier so nach dem alten PVC-Bodenbelag gestunken." Bis 2001 hat Nadine Lazik hier gewohnt.

"Es war so ruhig hier, die Menschen kannten sich, man brauchte keine Angst zu haben, die Kinder spielten auf der Straße. Es war idyllisch. Und dann war es irgendwann vorbei. Die Menschen zogen weg, immer mehr Randalierer kamen her und dann hieß es, in Süd wohnen nur die Assis. Das war schlimm."

"Irgendwann hieß es, in Süd wohnen nur noch Assis." Nadine Lazik

Nadine Lazik zieht mit ihren Eltern nach Stadtsee, hat sich aber dort nie wohl gefühlt und ist später aufs Land gezogen. Auch Steffi Strittmatter zieht mit ihren Eltern weg. Allerdings erst 2005, nachdem sie als letzter Jahrgang in der Sekundarschule den Abschluss gemacht hat.

Und auch, wenn die beiden "nur" Kindheitserinnerungen mit Süd verbinden, fällt es ihnen schwer, zu sehen, was aus dem Stadteil geworden ist. 2014 sind die letzten Mieter ausgezogen, nicht freiwillig, sondern weil ihnen Strom und Wasser gesperrt wurde. Nur vereinzelt überwintern noch einige in den leeren Blöcken aus. Bis auch sie irgendwann Stendal Süd den Rücken kehren müssen, weil der jüngste Stadtteil Stendals schon seit langem unbewohnbar ist.

Erinnern auch Sie sich noch an Ihre Zeit in Stendal Süd und wollen sich an unserer Serie beteiligen? Dann melden Sie sich bitte unter Telefon: 03931/6389922 oder per E-Mail bei tanja.andrys@volksstimme.de.


   

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