Das Rudolf-Hildebrand-Gymnasium wird 100. Am 4. April 1911 wurde das Gebäude als Volksschule für Mädchen eingeweiht. Ein Jahrhundert später soll dieses Ereignis im Jubiläumsjahr mit einer Festwoche gefeiert werden. Und ein Blick in die Geschichte der Schule lohnt sich.

Stendal. 100 Jahre Schulgeschichte - das sind auch 100 Jahre Zeitgeschichte. Beate Zacharias, Lehrerin für Deutsch und Russisch, hat sich rangewagt und unzählige Dokumente gesichtet, Fotos betrachtet, Zeitzeugen aufgespürt, Gespräche geführt. Ihre Erkenntnisse hat sie für die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schule am Mönchskirchhof zu einem aufschlussreichen Text zusammengefügt.

Aus dem Zeugnis einer Frau, die am 20. April 1911 hier eingeschult wurde, erfuhr Beate Zacharias dass sich 49 Mädchen einen Klassenraum teilten. Im Laufe der Schuljahre wuchs die Klassenstärke sogar bis auf 59. "Die große Neuerung, die wöchentliche Badestunde im Brausebad im Keller der Schule, war für die Mädchen eine willkommene Abwechslung", heißt es in der Festschrift. "Und sicherlich war es für sie nebensächlich, dass sie beim Duschen und Planschen zur Ordnung und Reinlichkeit erzogen werden sollten." Auch Kochen, Nähen und Stenografie standen auf dem Stundenplan. Und, aus heutiger Sicht gewiss erstaunlich: "In den zwanziger Jahren gab es eine Pausenversorgung mit Milch und Kakao, die der Hausmeister organisierte."

Eine weitere große Neuerung: Schwimmunterricht im Rahmen des Schulsports, durchgeführt im Uchtebad. Das befand sich auf dem Weg zum heutigen Stadtsee.

Hitlers Machtantritt im Jahre 1933 beeinflusste maßgeblich den Schulalltag. Sehr viel Aufmerksamkeit musste jetzt der Ahnenforschung gewidmet werden, hat Beate Zacharias erfahren. "Dazu hatten die Schülerinnen in eigens dafür vorgedruckte Hefte einen möglichst lückenlosen Nachweis über ihre hoffentlich arische Herkunft einzutragen."

Als zukünftige Hausfrauen und Mütter wurden die Mädchen besonders streng zu Ordnung, Sorgfalt und Sparsamkeit angehalten. Das klappte nicht bei allen. "Wenn nämlich die Pausenbrote nicht nach Wunsch belegt waren und auch nicht getauscht werden konnten, flogen sie in einem unbeobachteten Moment über die Schulhofmauer auf den benachbarten Hühnerhof."

Pausenbrote flogen über die Schulhofmauer

In den Jahren des zweiten Weltkriegs fand Unterricht nur noch sporadisch statt. "Anfang der vierziger Jahre wurden entgegen aller Prinzipien auch schon mal Mädchen und Jungen unter einem Dach unterrichtet, allerdings nach Klassen getrennt. 1944 und 1945 war die Mädchenschule vollständig mit sechzehnjährigen Jungen belegt. Sie wurden in einem sogenannten Wehrertüchtigungslager auf den Kriegsdienst vorbereitet."

Obwohl das Schulgebäude weitestgehend unversehrt geblieben war, fand kein Unterricht statt, da in den ersten Nachkriegsjahren russische Soldaten einquartiert worden waren.

1948 erhielt die Volksschule II den Namen "Rudolf Hildebrand". Mitte der fünfziger Jahre bekam sie einen Schulhort in der Weberstraße, Jungen und Mädchen wurden jetzt auch gemeinsam unterrichtet. 1960 wurde aus der Volksschule eine polytechnische Oberschule mit zehn Schuljahren.

Nach der Wende entstanden im Keller des Gymnasiums aus ungenutzten dunklen Ecken helle Fachkabinette. Die Unterrichtsräume für Physik und Chemie wurden umgestaltet, ein Computerkabinett wurde geschaffen. Toiletten, Heizung und Aula wurden saniert, das Schulhaus bekam neue Fenster. 2007/2008 begannen umfangreiche Sanierungsarbeiten. Die Elektroanlage wurde erneuert und das Schulgebäude erhielt einen farbenfrohen und freundlichen Innenanstrich.