Ein bisschen helfen, ein bisschen gucken, Kaffee kochen und kopieren? Weit gefehlt - die FSJler im Theater der Altmark tragen Verantwortung, betreuen eigene Projekte, assistieren bei Produktionen. Sie lernen fürs Leben und wissen, wo sie hinwollen.

Stendal. "Dick war ich auch schon mal, und blond. Ach genau, und als Kuh bin ich auch schon rumgelaufen." Johanna Schweier - schlank und brünett - muss lachen bei den Erinnerungen an so witzige Erlebnisse, wie sie ihr in den letzten paar Monaten passiert sind. Johanna ist eine von drei FSJlern, die für die aktuelle Spielzeit am Theater der Altmark sind. Und da kommt man eben nicht nur bei der "richtigen" Arbeit zum Einsatz, sondern auch mal beim Handzettelverteilen im Kostüm.

Das Freiwillige Soziale Jahr ist eine Möglichkeit für junge Leute ab 16, nach der Schule Berufe und das echte Arbeitsleben kennenzulernen. Sie arbeiten vorwiegend in gemeinwohlorientierten, sozialen oder kulturellen Einrichtungen, bekommen Taschengeld, Unterkunft und Verpflegung und werden pädagogisch begleitet. Das Theater der Altmark nimmt seit 2003 jeweils drei junge Freiwillige an, ab nächster Spielzeit sogar vier. Für dieses "herausragende Engagement in der Kultur" wurde das TdA im Februar von der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.

Dass es ein freiwilliges Jahr im Bereich Kultur werden würde, war für Johanna Schweier von Anfang an klar. "Theater, Fotografie, Musik, das interessiert mich alles. Und ich wollte mal weg, was Neues probieren." Deshalb hat sich die Hamburgerin nur für FSJ-Plätze in den östlichen Bundesländern beworben. Stendal hat sie in ihren Bann gezogen. "Ich war im Westen noch in keiner Stadt, wo mitten im Ort verfallene Häuser stehen. Das finde ich hier total interessant", sagt die 18-Jährige, die während ihres FSJ am Theater der Altmark vorwiegend in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt ist. Auch bei der Reihe "Soljanka am Donnerstag" hat sie mitgeholfen, hat bei Proben und Aufführungen souffliert und singt im Theaterchor mit - steht also auch auf der Bühne, wie jetzt bei "Anatevka".

Da ist dann auch Julia Weidner zu entdecken, während ihres FSJ ebenfalls Mitglied des Theaterchors. Die 19-jährige Wernigeröderin ist viel unterwegs. "Im Büro sitzen kam für mich nicht in Frage." Julia betreut das Klassenzimmerstück, die Mini-Mäuse, ist beim Kunstkoffer dabei - eben überall, wo die Theaterpädagogen gefragt sind. Und sie hat das aktuelle Jugendclub-Stück inszeniert. "Eine Kriminacht für Kinder hätte ich auch gern noch gemacht, aber dafür reicht die Zeit nicht."

Der Pädagogik wird sie nach dem freiwilligen Jahr treu bleiben, Julia will Lehramt studieren. Erstmal. Denn den Traum, Schauspielerin oder Musicaldarstellerin zu werden, den träumt sie noch gern weiter.

Die drei FSJler sind von Anfang an voll dabei im Theaterbetrieb, ganz nah dran an den Schauspielern. Sie sind nicht nur helfende Hände, sie sind wichtig, ja sogar unabkömmlich. Robert Kühne ist als Produktionsassistent die rechte Hand des Regisseurs. Er ist von der ersten Probe bis zur Aufführung dabei, war bei manchen Stücken fast komplett allein verantwortlich für die Koordination von Licht und Ton und hat das neue Jugendmusical "Pinkelstadt" als Inspizient in seiner Verantwortung.

Ob für ihn aber das Theater beruflich mal eine Rolle spielen wird, weiß er noch nicht. "Den Traum von der Regie habe ich noch nicht an den Nagel gehängt, aber ich möchte zunächst Germanistik studieren." Die Zeit am TdA war für den 19-Jährigen aus Rudolstadt "extrem ereignisreich". Der Arbeitsalltag im Gegensatz zur Schule, Früh- und Spätdienste, die Sogkraft des Theaters, die Nähe zu den Schauspielern, all das hat den jungen Mann geprägt. "Das Jahr war gut, aber jetzt reicht\'s auch erstmal", sagt er lachend. Er freut sich, wieder büffeln zu müssen.

Auch für Johanna Schweier hat das FSJ in Stendal Klarheit für ihre berufliche Zukunft gebracht. "Ich weiß jetzt, was ich will, möchte ein Studium in Richtung Kultur- und Eventmanagement machen." Wo, das weiß sie auch schon: in Magdeburg. Die gebürtige Hamburgerin bleibt dem Osten also vorerst treu. Offenbar gefällt ihr da noch mehr als nur die verfallenen Häuser.