Die Pläne für den Wiederaufbau des Kreuzgangwestflügels am Dom St. Nikolaus haben einen radikalen Wandel durchgemacht. Statt eines glatten rostroten Riegels mit Cortenstahlfassade, der in der Domgemeinde heftigen Widerstand provozierte, soll nun eine einladende Front mit einem Feldstein- und einem Backsteingeschoss gebaut werden. Auch der kriegszerstörte Schmuckgiebel des Südflügels könnte in moderner Auslegung der Gotik neu erstehen.

Stendal. Bei den archäologischen Grabungen im Kreuzgarten des Doms geht es nur beiläufig um Scherben, Münzen oder andere Zeugnisse des Alltagslebens früherer Generationen. Solche Dinge wurden auch nicht gefunden. Dafür aber das, wonach die Stadtgemeinde und ihre Architekten suchten: die Fundamente des in den letzten Kriegstagen 1945 durch einen Bombentreffer zerstörten Westflügels des Kreuzgangs.

Inzwischen liegen diese Grundmauern frei. Zur Überraschung der Grabenden fand sich dazwischen ein vollständig erhaltener Backsteinfußboden, nach Überzeugung von Architekt Gerhard Schlotter aus der Erbauungszeit des Kreuzgangs, also vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammend. Schlotter und sein Kollege Erk Meinertz vom Berliner Büro für Architektur, Städtebau und Denkmalpflege (BASD) haben von der Evangelischen Stadtgemeinde den Auftrag zum Bau des Kreuzgangflügels übertragen bekommen, nachdem sich die Gemeinde von dem Seehäuser Architekten Jan Bodenstein gelöst hatte.

Bei einer öffentlichen Führung im Kreuzgarten warteten die Berliner am Mittwoch mit einigen Überraschungen auf (die Volksstimme berichtete bereits gestern kurz). Die erste: Der Neubau soll nun doch auf die alten Fundamente gestellt werden. Die zweite: Er erhält zur Straße hin eine Fassade aus Feldsteinen und Ziegeln. Die dritte: Der ebenfalls kriegszerstörte Schmuckgiebel des Südflügels wird auch wieder aufgebaut. All das natürlich vorbehaltlich der Genehmigung durch die Bauordnungs- und Denkmalschutzbehörden. Laut Gerhard Schlotter werde die Genehmigungsplanung jetzt eingereicht. Er hofft, in etwa einem Vierteljahr Baurecht zu haben.

Für den Architekten ist diese Variante, also der Bau auf den historischen Grundmauern, die beste und sinnvollste, aus denkmalpflegerischer und ökonomischer Sicht. "Sie sind weitestgehend in Takt", sagt er. "Würden wir sie nicht nutzen, müssten wir eine relativ aufwendige schwebende Gründung über den alten Fundamenten schaffen." Auch der Zeitplan - die Stadtgemeinde hofft auf die Fertigstellung Mitte/Ende 2012 - ließe sich auf diese Weise straffen.

Wird so gebaut, rückt der neue Westflügel - wie sein historischer Vorgänger - im Vergleich zu der kürzlich abgerissenen Nachkriegsmauer um mehrere Meter nach Westen. Zusammen mit dem dann wiederaufgebauten Giebel des Südflügels würde die Kreuzgangfront in den jetzigen Gehweg hinein ragen, so dass dieser teilweise verändert werden müsste. "Ist das nicht gewollt, könnten wir mit dem Giebel etwas zurückspringen", sagt Schlotter. Aber das sei aus seiner Sicht nur die zweitbeste Lösung. Den Giebel, bis zu seiner Zerstörung in gotischen Zierformen, stellt er sich modern, aber vom Original inspiriert vor.

Endgültig vom Tisch ist die Bodensteinsche Stahlfassade des Westflügels. Doch auch die schroff-abweisende Straßenfront des historischen Baus will sich der Architekt nicht zum Vorbild nehmen. "Der Bau soll eher offen und einladend in Richtung Stadt wirken", sagt Gerhard Schlotter. Den früheren Materialmix will er jedoch wieder aufgreifen: das untere Geschoss in Feld-, das obere in Backstein.

 

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