Glückwünsche zum 80. Geburstag nahm Heidemarie Henning am Sonnabend entgegen. Die Schulleiterin ist aber nicht selbst plötzlich gealtert, sondern empfing die Wünsche stellvertretend für das Gebäude, in dem sie arbeitet. Am 25. März 1931 wurde die heutige Comenius-Schule an der Blumenthalstraße eingeweiht.

Stendal. "Meine Schule." "Unsere alte Dame." "Mein liebstes Spielfeld." So liebevoll vereinnahmend reden die Menschen über das 80 Jahre alte Gebäude an der Blumenthalstraße, in dem sie eingeschult wurden, in dem sie gelehrt haben und das heute den Namen eines großen Pädagogen trägt: Johann Amos Comenius. Im März 1931 wurde die Schule im Bauhausstil als Mädchenlyzeum eingeweiht, in den folgenden Jahrzehnten hinterließen Geschichte und Politik vielfältig ihre Spuren (siehe Infokasten).

Dass diese Spuren von Zeitzeugen beobachtet und in der Erinnerung gespeichert wurden, zeigte sich auf erhellende, erheiternde Weise beim Festakt am Sonnabend in der Schule. Da berichtete Ingrid Gast, 34 Jahre hier als Deutsch- und Russischlehrerin tätig, von ihrem Anfang als Lehrerin. Gleich in der ersten Woche wurde sie zum Direktor gerufen: "Enge Hosen trage man hier nicht, wurde mir gesagt. Und Frauen und Hosen, das gehe sowieso nicht. Achja, und ein Pferdeschwanz sei auch nicht die richtige Frisur. So kennen mich ganze Schülergenerationen mit Dutt."

Eine Anekdote, die von anderen Zeiten erzählt, von Gepflogenheiten und Sitten, wie sie wohl in jedem Schulgebäude eines solchen Alters galten. Auch im Respekt vor dem Bau als solchem hat sich inzwsichen vieles geändert: eine durch Spanplatten zerteilte, einst ehrwürdige Aula, ein Schießstand im Lehrerzimmer, ein Kohleplatz, wo einst eine schöne Grünanlage war – all dies ist Geschichte. "Als ich heute die Schule betrat, war ich total bewegt und hocherfreut", sagte Burga Watermann angesichts der strahlenden Schöhnheit der Schule. Watermann hat 1973 eine Diplomarbeit über das Baudenkmal Comenius-Schule geschrieben.

Den weitesten Blick zurück erlaubte Elisabeth Heinsohn zu werfen. Die 83-Jährige wohnte in den 30er und 40er Jahren mit ihrer Familie gleich gegenüber der Schule. "Wir sind Seite an Seite aufgewachsen, die Schule war mein Spielfeld." Man habe sie einfach großartig gefunden, diese helle, schöne Schule mit all ihren modernen Räumen. Frau Heinsohn erinnert sich an das andächtige Gefühl, das sie einst in der Aula überkam. An die Turnlehrerin mit einem Anzug, der wohl aus Kaiserzeiten stammen musste und die Schülerinnen erheiterte. An den Bombeneinschlag direkt neben der Turnhalle und das Zunageln der Fenster, während die Mathelehrerin Schlagerplatten dazu abspielte.

"Was die Zeit dem alten Mädchen so angetan hat", sagt Frau Heinsohn nachdenklich. "Und heute, da steht sie in ihrer alten Schönheit wieder da.

Bleibt zu hoffen, dass die äußerliche Schönheit stets auch Raum bietet für die Verwirklichung eines Wortes von Comenius: "Eine Schulstunde ohne Lachen ist eine verlorene Stunde."

   

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