Sie zählte 70 tatkräftige Frauen und Männer aus neun Parteien und Gruppierungen und trat am 5. Juni 1990 zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen: die erste frei gewählte Stadtverordnetenversammlung von Stendal nach der friedlichen Revolution. In der vergangenen Woche feierten ehemalige und heutige Abgeordnete in der Katharinenkirche 20 Jahre Stadtrat.

Stendal. Vier von den 70 Stendalern, die am 6. Mai 1990 vom endlich frei wählen dürfenden Volk zu Stadtverordneten erkoren wurden, haben noch heute einen Sitz im Stadtrat. Rita Antusch, Reiner Instenberg (beide SPD), Klaus-Peter Noeske (PDS/ Linke) und Manfred Vogel (SPD) sind seither ohne Unterbrechung immer wieder in die kommunale Vertretung der Hansestadt gewählt worden.

Auf sie machte Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) besonders aufmerksam, als er in der vergangenen Woche in der Katharinenkirche allen bisherigen und jetzigen Stadträten für ihr Wirken dankte. Schmotz zitierte aus den Worten des verstorbenen Hans-Peter Schmidt aus der damaligen Fraktion des Neuen Forums, der die Stadtverordneten in der ersten Sitzung aufforderte, aus Stendal wieder eine blühende Stadt zu machen. Daran, sagte der OB, hätten alle Stadträte seither tatkräftig gearbeitet. Was sich damals mausgrau präsentierte, sei jetzt saniert oder neu gebaut. Verwaltungschef Schmotz erinnerte in diesem Zusammenhang auch an seine Mitarbeiter, von denen einige ebenfalls seit zwei Jahrzehnten an diesem Ziel mitwirkten. Namentlich erwähnte er "Urgestein" Christa Nagel aus dem Stadtratsbüro.

70 Prozent Wahlbeteiligung

1990 wählten 70,4 Prozent der wahlberechtigten Stendaler ihre neue Stadtverordnetenversammlung. Eine derart hohe Wahlbeteiligung wurde seitdem nie wieder erreicht. Schon 1994 war sie auf 60,1 Prozent abgesackt, und 2009 gingen nur noch 32,8 Prozent der Stendaler zur Wahl. "Ist das ein Ausdruck dessen, dass die Menschen die Freiheit heute als gegeben hinnehmen?" Klaus Schmotz ließ eine Antwort auf die Frage offen.

Der erste Nachwende-Bürgermeister wurde vor 20 Jahren noch nicht direkt, sondern von den Stadtverordneten in ihrer ersten Sitzung am 5. Juni gewählt. Eher widerwillig, so erinnerte sich Dr. Manfred Haufe (CDU) auf dem Festakt in der Katharinenkirche, habe er sich auf Bitten des damaligen Landrats Lothar Riedinger zur Wahl gestellt, nachdem er vergeblich versucht habe, ein Mitglied des Neues Forums dafür zu gewinnen. "Ich stand im 60. Lebensjahr und wollte eigentlich Amtstierarzt werden", sagte Haufe. Dass er der richtige Mann zur richtigen Stunde war, zeigte das Abstimmungsergebnis: Aus allen politischen Lagern erhielt Haufe 63 Ja-Stimmen.

Dankbar erinnerte sich der Alt-Bürgermeister an die umfangreiche Unterstützung hilfreicher Partner aus dem Westen, allen voran die Partnerstadt Lemgo. So sei der Rahmenplan für die Altstadtsanierung auf Initiative von Lemgos Stadtdirektor Ulrich Faßhauer erstellt und von der Alten Hansestadt Lemgo auch finanziert worden. Eine willkommene Starthilfe seien auch die Abgeordnetenschulungen durch Dozenten aus Frankfurt am Main gewesen.

Ein guter Vorsitzender muss zuhören können

Ein Mann der ersten Stunde ist auch Horst Langpap. Den bekannten TdA-Schauspieler aus der CDU-Fraktion, heute im Ruhestand, wählten die Stadtverordneten in ihrer ersten Sitzung zu ihrem Chef – zum Präsidenten der Stadtverordnetenversammlung. Auch er erhielt eine satte Mehrheit von 59 Stimmen. Das sei bereits seine zweite Präsidentschaft gewesen, erzählte Langpap humorvoll den mehr als 90 Gästen des Festakts in der Katharinenkirche, nachdem er Jahre zuvor in einem Film über den jungen Engels den Präsidenten des Bremer Senats gespielt habe. Die Bremer Rathausszenen wurden damals aus Mangel an Reisemöglichkeiten im Rathaus von Stendal gedreht, "Hansekoggen hingen von der Decke", erinnerte er sich.

Nun also der wirkliche Präsident einer tatsächlichen Volksvertretung. "Die ersten Schritte gingen recht zügig, holprig wurde es erst später", blickte Langpap zurück. Trotz gegensätzlicher Standpunkte seien die zukunftsweisenden Beschlüsse zu seiner Zeit meistens mit den Stimmen aller Fraktionen gefasst worden. "Wir haben gestritten, um Lösungen gerungen, haben Fehler gemacht und sie korrigiert", sagte Horst Langpap und konnte sich am Ende einen kleinen Hieb auf den heutigen Stadtrat nicht verkneifen: "Ich wünsche Ihnen ein glücklicheres Händchen, wenn es mal wieder um die Volkshochschule geht." Zur Gebührenerhöhung kam es zwar, doch unterm Strich bleibt kaum etwas in der Kasse davon übrig, weil es nun als Kompromiss Gratisangebote gibt (Volksstimme berichtete).

In gleicher Funktion, aber vom Präsidenten zum Stadtratsvorsitzenden "degradiert", ist heute in nunmehr dritter Wahlperiode Dr. Klaus-Jürgen Mörs (CDU). Der aus Salzwedel stammende, über den Umweg Süddeutschland nach der Wende in die Altmark zurückgekehrte ehemalige Leitende Oberstaatsanwalt beschrieb einen guten Vorsitzenden so: "Viel zuhören und wenig reden."