Auf der Suche nach den Eigentümern eines Grundstücks in der Beckstraße stieß der Stendaler Unternehmer Thomas Richter-Mendau unvermutet auf eine Geschichte aus der Geschichte der Stadt, die während der Bombenangriffe in den letzten Kriegstagen ihren tragischen Höhepunkt fand.

Stendal. " Die Geschichte beginnt Anfang 2005 ", erzählt der Stendaler Bauunternehmer. Damals sei er von einem Kunden gebeten worden, die Eigentümer eines Grundstücks in der Beckstraße ausfindig zu machen. Im Grundbuch war ein Alfred Börner vermerkt.

Richter-Mendau packte die Neugier auf das Schicksal der Leute, die in dem 1945 zerbombten Haus gelebt haben. Mit Hilfe von Notar Klaus Mohnhaupt und des Landkreises spürte er die Erben auf : Günter, Heinz, Siegfried und Benno, allesamt Söhne von Alfred Börner. Der letzte Überlebende ist Günter Börner, der Nachkömmling. Seine Mutter Ida starb bei seiner Geburt, so dass er bei seiner aus Röxe stammenden Tante mütterlicherseits in Berlin aufwuchs. An einem trüben Novembertag dieses Jahres klingelte Thomas Richter-Mendau an der Wohnungstür von Eva-Maria und Günter Börner in Berlin-Lankwitz. Und ließ sich seine Geschichte erzählen.

Als Berlin längst im Bombenhagel lag und umkämpft wurde, zog die Tante mit dem kleinen Günter und ihren eigenen zwei Kindern zu Verwandten in das vermeintlich sichere Stendal. Hier ging Günter Börner zur Schule, die Tante arbeitete in der Zuckerfabrik.

Doch im Februar 1945 kamen die Schrecken des Krieges auch nach Stendal. Nachdem ein erster Bombenangriff Fenster und Türen des Hauses der Verwandten in Röxe zertrümmert hatte, siedelte die Familie um in die " Rheinkrone " in der Beckstraße, die Gaststätte von Alfred Börner. Am 8. April – Günter Börner erinnert sich genau : " Es war ein Sonntag " – war sein Schulfreund Werner Weber bei ihm zu Besuch. Im Radio hörten sie eine Bombenvorwarnung für Stendal.

" Et war nie wat los in Stendal, keen Mensch is damals in Keller jejang ", erinnert sich der später wieder zum Berliner gewordene Günter Börner. Trotzdem gingen sie hinunter und saßen dort zu neunt, als gegen Mittag eine Bombe die " Rheinkrone " traf. Vom Haus ließ sie nichts als Schutt und Asche übrig. Beinhoch verschüttet, hatte sein Schulfreund fortan ein steifes Bein.

Auch Günter lag, im Schutt eingeklemmt, im Keller. " Auf mich tropfte permenent das Blut von Frau Buhl, einer Hausbewohnerin ", erinnert er sich. Sie lag über ihm, war von einem Ofen erschlagen worden. In unmittelbarer Nähe lag seine Tante und Ziehmutter Martha Köller. Sie hatte sich über ihre beiden Kinder geworfen und war offensichtlich sofort tot. Ihre Kinder, Hardo und Inge, reagierten zunächst noch auf Fragen, überlebten aber ebenfalls nicht.

Erst gegen 20 Uhr kam Hilfe : Börners Cousin, der Offizier war, mit etwa zehn Soldaten. Sie gruben den Verschütteten aus. Ein herbeigerufener Arzt zog ihm vorsichtig und besorgt die blutdurchtränkte Jacke aus. Tatsächlich war der Junge so gut wie unverletzt, das Blut war das der Mitbewohnerin.

Noch heute spürt Günter Börner den Brandgeruch, der während der vielen Stunden im zerstörten Keller von der ebenfalls zerbombten Maschinenfabrik Schreiber herübertrieb.